Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

3. Kapitel: Gygax

erstellt von Thomas Stemmer zuletzt verändert: 21.10.2007 15:11

Es gab Zeiten, da hätte es Mudev Skrugel gerne gesehen, wenn sich – endlich – etwas geändert hätte, doch es tat sich nahezu nichts. Da sich also seinerzeit nichts wirklich änderte, gab es auch keinen Grund, sich ein Buch zuzulegen, wie Skrugel das ansonsten zu tun pflegte, trat eine große Veränderung in sein Leben. Es mußte also eine Zeitung herhalten. Eine Zeitung mußte ausreichen.

In einer jener Zeiten – es war im Jahr 1997 – war Mudev Skrugel pleite und wartete auf die große befreiende Veränderung, doch die blieb aus. Sich das jedoch einzugestehen, war nicht Mudev Skrugels Sache. Er gestand sich niemals irgendetwas ein und schon gar nicht das, was von ihm erwartet wurde.

Er kaufte demnach nicht ein Buch, sondern eine Zeitung, immerhin ebenfalls eine Art von Druckprodukt oder Druckwerk, ein Resultat des ehemals als Schwarze Kunst bezeichneten Druckerhandwerks. Gegen eine gute Zeitung war nichts einzuwenden.

Die Süddeutsche Zeitung vom 21. Februar 1997, die Mudev Skrugel sich zulegte, hielt in ihrem beigelegten Magazin ein Wort bereit, das ihn in höchste Verzückung versetzte: Gygax. Was war darunter zu verstehen? Was verbarg sich hinter dem Wort Gygax, einem Wort, das ihm sofort im Inhaltsverzeichnis entgegengesprungen war: Gygax! Gygax! Gygax! Skrugel war begeisteret vom reinen Klang des Wortes: Gygax! Er wiederholte das Wort immer und immer wieder: Gygax, Gygax, Gygax; seither hat ihn dieser eigenartige Klang nie wieder verlassen: Gygax.

Was verbarg sich dahinter?

Er studierte das Inhaltsverzeichnis und las:

Tagebuch der Apokalypse

. Unser Ende ist nahe. Russische und islamische Truppen sind auf dem Weg zu uns, und die Chinesen besetzen demnächst Böhmen. Im nächsten Frühjahr wird die Erdbevölkerung halbiert sein. Indizien für den Untergang fand der eigenwillige Schweizer Hans Gygax unter anderem in einem Bild von Albrecht Dürer.

Das klang vorzüglich! Mudev Skrugel war hochbeglückt von solchen Denkern und von solchen Botschaften. In einer Welt, in der bescheuerte Kappenträger nahezu den ganzen Planeten mit gehämmerter Drecksau-Musik zum geistigen Krüppel folterten, wünschte sich Skrugel bereits seit geraumer Zeit eine umfassende Katastrophe herbei. Solche Untergangsbotschaften erfüllten ihn daher mit großer Freude wie in einem immerwährenden Weihnachtsbescherung, denn nach der Katastrophe gab es ganz gewiß keine Hämmer- und Wummer-Musik mehr. Gygax! Gygax! Gygax! Für Skrugel bedeutete diese Aussicht schlichtweg Wonne.

Er las weiter:

>>Man sieht<<, sagt Hans Gygax und öffnet einen neuen Leitzordner voller Indizien, >>wie schaurig exakt der Dürer vorgegangen ist!<< Der >>goldene Becher in der Hand<< der großen Buhlerin, von dem auch die Offenbarung spricht, >>voll von Greueln und dem Schmutz ihrer Unzucht<<, wird plötzlich lesbar als Atompilz, frei nach der schematischen Darstellung im DDR-Lehrbuch für Kernwaffenschutz.

Einzigartig

!!! entfuhr es Mudev Skrugel, als er dies las, wunderbar! Und immer wieder: Gygax! Gygax! Gygax!

Was er las, erinnerte ihn an die Lektüre seiner Kindheit. In seinem Elternhaus lagen einige Bücher solcher Propheten herum, und allesamt waren sie mit Namen angetan, die sich als Klang in seine Erinnerung einbrannten: Mühlhiasl, Ludovico Rocco, Pfarrer Handwercher, Bernhard Clausi, Stormberger, Alois Irlmaier, Franz Kugelbeer, Mutter Graf, Stockert, der blinde Jüngling von Böhmen, Holzhauser, Andreas Rill, Sepp Wudy, der Knecht vom Frischwinkel.

Namen. Worte.

Schon als Kind hatte Mudev Skrugel in den Werken oder Botschaften derer, die hinter solchen Namen standen, Sätze gelesen wie: Nachher geht's an! Das große Aufräumen beginnt. Oder: Dann wird das Bayernland verheert und verzehrt, das Böhmerland mit eisernem Besen ausgekehrt. Oder: Eine furchtbare Finsternis wird die Erde einhüllen zum Schutze derer, die gerettet werden. Oder: Nach der Ermordung des dritten "Hochgestellten" geht es über Nacht los. Oder: Und dann regnet es einen gelben Staub in einer Linie. Eine klare Nacht wird es sein, wenn sie zu werfen anfangen. Die Panzer fahren noch, aber die darin sitzen, sind schon tot. Dort, wo es hinfällt, lebt nichts mehr, kein Baum, kein Strauch, kein Vieh, kein Gras, das wird welk und schwarz. Oder: Des san Teufelsbrocken. Wenn sie explodieren, dann entsteht ein gelber und grüner Staub oder Rauch; was drunter kommt, ist hin, ob's Mensch, Tier oder Pflanze ist. Die Menschen werden ganz schwarz und das Fleisch fällt ihnen von den Knochen, so scharf ist das Gift. Oder: So viel Feuer und so viel Eisen hat noch kein Mensch gesehen. Wer's überlebt, muß einen eisernen Schädel haben. Zuletzt kommt der Bänkabräumer (`Af d'letzt kimmt da Bänko'rramer´), eine alles dahinraffende Krankheit. Oder: Erdbeben, Donner, Meeresrauschen, Schwefeldämpfe. Blitze dringen in die Häuser ein, gräßliche Flüche von Teufeln sind zu hören.

Als Mudev Skrugel noch sehr klein war, fürchtete er sich vor diesen Sätzen aus der elterlichen Bibliothek, und seine Mutter nahm ihn tröstend beiseite. Später amüsierte er sich köstlich über diese Visionen, über giftige, blutige, eitrige Kröten, die über Europa kriechen, Feuer- und Schwefelregen und über dreitägige Finsternisse. Noch ein wenig später benutzte er solche Sätze für sich selbst, wann immer sie gerade zu passen schienen. Er war frei und damit auch ein wenig zynisch geworden. Im Innersten war ihm all dies egal: Was sollte schon passieren? Sollte die Welt in Scherben fallen, egal. Durch sein Studium der Religionswissenschaft hatte Mudev Skrugel gelernt, daß es einige Religionen gab, wie zum Beispiel den Hinduismus, die behaupteten, auch die Welt werde wiedergeboren, um danach erneut ein Forum für sich verkörpernde Seelen abzugeben. Alles halb so wild, dachte Skrugel, und: Die Hindus werden schon Recht haben! Ja, ganz gewiß haben sie Recht! Nur die Wörter, die Namen dieser Propheten, die hatten sich tief eingegraben und tauchten in unerwarteten Situationen wieder auf.

Gygax! Gygax! Gygax!

Mühlhiasl! Stockert! Kugelbeer!

Auch auf seinem Weg in Richtung Süden kamen ihm diese Sätze und die dazugehörigen Wörter wieder in den Sinn. Als kleiner Zyniker wollte er wenigstens noch den nächsten Ort der Reise genießen, bevor der Giftregen herniederfiel: L'Isle-sur-le-Doubs.

Dieser Zynismus lohnte sich! L'Isle-sur-le-Doubs erwies sich als ein kleines Wuderstädtchen. Genau an jener Stelle gelegen, an der die route nationale die Doubs überquerte, schob die Verwitterung seiner Häuser eine berauschende Barriere ins Bewußtsein des Reisenden: Man konnte an nichts anderes mehr denken, nur noch starren, blicken, in die Augen hinein aufsaugen! Insofern war es weniger eine Barriere, sondern ein Neuanfang: Solche Städte gab es in Deutschland in der Tat nicht! Vor der Brücke über die Doubs strahlte eine Art Hauch von den Häusern ab. Dies war ein französische Stadt. Boulangerie. Café. Altes Gemäuer. Tänzelnd sich gegenseitig ausweichende Autos.

Hier, in Isle-sur-le-Doubs zog sich der Himmel auf jene typsiche Weise zusammen, wie dies nur in einem mitteleuropäischen Winter vorstellbar war. Sollte Mudev Skrugel das Rennen gegen den Wintereinbruch doch noch verlieren? Er gewann Kilometer um Kilometer an Boden, aber vielleicht ging dieser Gewinn doch mit zu langsamer, allzu langsamer Geschwindigkeit vor sich.

Dennoch trübte die Wetterlage in keinster Weise Mudev Skrugels Begeisterung. Er hatte alle seine Karten ins Spiel geworfen und die Würfel fielen günstig.

Günstige Karten: Da Skrugel ohnehin eine Tasse Kaffee mehr als nötig hatte, lag es nahe, sie in zauberhafter Umgebung einzunehmen. Im Übrigen benötigte er eine Telephonkarte für die öffentlichen Apparate, die in Frankreich nur sehr selten mit Münzen zu bedienen waren. Was er also brauchte, war ein Café und ein tabac. in diesen tabacs, erkenntlich an der in der gesamten grande nation gleich gestalteten roten Werbung, gab es Briefmarken und Telephonkarten.

Den Wagen stellte Mudev Skrugel ab, bevor die Straße die Doubs überquerte. Kurz blieb er sitzen und spähte nach den alten Tapeten hinter den verwunschenen staubigen Fenstern. Dann raffte er sich auf und ging zu Fuß hinüber. Es galt zwei Doubs-Arme zu überqueren: mehr als genug Möglichkeiten, eine erträumte Stadtlandschaft zu erforschen. Die Hinterseite der Häuser wurde sichtbar. Verschwörerisches Terrain im Verfallstraum eingewoben. Solche Städte sah Mudev Skrugel in der Regel nur im Zustand des Traums; im Wachen kannte er dies aus Barcelona und einigen anderen Stellen in Europa. Der Traum jedoch gewährte ihm hin und wieder eine Stadt, die wie ein verwirrender Bazar aufgebaut war und innerhalb einer anderen Stadt verborgen war. Zu erreichen war diese Bazar-Stadt über ein geheimes und nicht immer zu erkennendes Tor in einer Betonwand, vor der dreckige, ja, ekelhafte schwarze Pfützen schwammen. Mudev Skrugel träumte zwischen Abend und Morgen des öfteren in dieser Stadt, hatte es jedoch auch schon erlebt, daß ihm der Zutritt in die innere Bazar-Stadt verwehrt wurde...

Und nun war er in L'Isle-sur-le-Doubs.

Er überlegte, ob der Zauber solcher Orte wie L'Isle-sur-le-Doubs darin lag, daß sich in ihnen innere und äußere Welten berührten. Zumindest als Theorie fand er einen solchen Denkansatz mehr als reizvoll. In einer übermäßig praktischen Welt wie der heutigen schien es Mudev Skrugel nahezu subversiv, für Traum, für Theorie und Romantik zu sprechen. Man konnte für alles sprechen, wußte er; es mußte nur abgebrüht genug beim Gegenüber ankommen. Spürte der Gesprächspartner diese Abgebrühtheit, konnte er nichts dagegensetzen. Gesellte sich dazu noch ein versponnener Charme, war man auf der sicheren Seite.

Auf der anderen Seite der Doubs lag ein großer Platz, der als Parkplatz diente. In der Mitte ein riesenhaftes Gebäude: Salle de Fêtes. Dort setzte sich Skrugel in ein Café und ging danach zwei oder drei Häuser weiter zum tabac, um die Telephonkarte zu erstehen. Im tabac besagte ein angeklebter Zettel: La Maison ne fait pas Credit.

War es möglich, einen Zenbrastreifen einfach zu überqueren? Mußten die Autos halten? Oder würde man ihn überfahren? Da war es wieder, dieses Thema: War es besser, in einer schönen Gegend zu sterben oder war es egal?

Wurde Mudev Skrugel totgefahren, geschah dies wenigstens in L'Isle-sur-le-Doubs, und nicht irgendwo anders.

Schließlich fuhr Mudev Skrugel weiter. Er lachte ein wenig vor sich hin: Gygax!

Wollte er versuchen, die brüchige Schönheit von L'Isle-sur-le-Doubs zu beschreiben, so überlegte er, wäre es vielleicht hilfreich, in jener Art zu verfahren wie es die modernen Kunstmusen tun. Dort ist man dazu übergegangen, in Ausstellungen Bilder aus zwei unterschiedlichen Epochen nebeneinander zu hängen, um dadurch entweder eine Gemeinsamkeit hervorzuheben oder gerade den schroffen Gegensatz. So hing plötzlich ein Expressionist neben einem Barockmaler, ein Schmidt-Rottluff neben einem Murillo, um in beiden gleichermaßen einen gewissen Hang zur Überschwenglichkeit, sei es in Farbe oder in Form, zu betonen. Stand ein Beuys neben einem Spitzweg, so leuchtete eher das Gegensätzliche in diesem Vergleich hervor.

Es war für Mudev Skrugel nicht schwer, sich in eine eigene innere Galerie oder in ein Museum zu versetzen und dort zwei Abbildungen in schöngeformten Rahmen nebeneinanderzuhängen.

In einem Rahmen wäre beispielsweise die Abbildung die romantisch-verwitterte Einfahrt in den Ort L'Isle-sur-le-Doubs zu sehen, ein Blick zwischen die düster-erregende Romantik der abgewohnten Hausfassaden hindurch. Vielleicht wäre das Städtchen in Farbe abgebildet, vielleicht in Schwarz-Weiß´, am besten jedoch in Bräunlich-Gelblich und auf altem Papier. Im anderen Rahmen fände dann eine knallende Farbexplosion statt: der Blühende Pfirsichbaum von Vincent van Gogh aus dem Jahr 1888. Van Gogh hatte dieses Bild nach dem Tod seines Onkels Anton Mauve für dessen Witwe gemalt. Zu sehen ist ein recht dünner Baumstamm, der sich jedoch machtvoll verzweigt und eine gewaltige weiß-rötliche Farbwolke in einen blauen Himmel mit weißen Wolken versprüht. Wie um diesen Baum vor unkontrollierten Ausbrüchen zu bewahren, ist das weißliche Areal, auf dem er steht, hinten durch einen Bretterzaun abgegrenzt. Das wird nichts nützen, denn die in den gleißend hellen Farben angelegte Explosion steht unmittelbar bevor. Der Trick van Goghs ist dabei, diese Explosion ins Bewußtsein des Betrachters zu verlagern, und daher existiert dieses Bild bis auf den heutigen Tag noch.

Verspritzende Farbblendungen werfen scheinbar banale Fragen, Fangfragen, auf: Was ist das für eine schwarze Linie, die von links hinten her ins Ölbild hinein sickert? Warum ist ein Teil des Bretterzauns blau? Ein versteckter Ausgang? Sind die Wolken am Ende gar keine Wolken, sondern wolleartige Früchte des Baumes, unerwartet bei einem Pfirsichbaum und ein wenig bitter dazu? Wäre in einem solchen Fall der Himmel strahlend, stählern und gnadenlos blau? Wird der Baum von der eingefangenen mediterranen Sonne angeleuchtet oder leuchtet er aus sich selbst heraus? Wären dann die allzu offensichtlich aufgemalten Schatten sorgfältig eingefädelte Täuschungen? Und die schwarzen Flecken in der Mitte des Bildes? Sind das etwa schwarze Pfirsiche?

Die ganze Angelegenheit bleibt widersprüchlich, undurchsichtig und auf wohltuende Weise beunruhigend.

Neben L'Isle-sur-le-Doubs ergäbe sich also zur selben Zeit ein Gleichklang wie auch ein schroffer Gegensatz. Ein Satz dagegen, der durchaus vollständig ist (Subjekt, Prädikat, Objekt), doch in seiner Aussage zersplittert. Glasartig wird ein Durchblick auf die bröselnde Schönheit des französischen Ortes L'Isle-sur-le-Doubs sichtbar. Café, Boulangerie, tabac und langsam in Richtung Besançon verschwindende Kraftfahrzeuge.

L'Isle-sur-le-Doubs würde sich gut als Fluchtpunkt eignen. Der dahinterstehende Gedanke wäre die Idee jener kleinen Fluchten. Wer an einem Ort lebt und dort nicht mehr leben möchte, dort aber noch eine Weile leben muß, bevor er fortgehen kann, der schafft sich für diese Zwischenzeit kleine Fluchten, Orte, die er immer wieder ansteuert. Wer also beispielsweise noch im Südewesten Deutschland, sagen wir, in der Gegend um Freiburg im Breisgau, lebt, aber wegziehen möchte, der kann an Wochenenden, Feiertagen oder nach Dienstschluß kurz nach L'Isle-sur-le-Doubs fahren. Gewiß wird es ihm bessergehen.

Mudev Skrugel hat in der Vergangenheit des öfteren die kleinen Fluchten ausprobiert. Als er in Hiedelberg lebte und wegwollte, fuhr er nach Darmstadt und trieb sich im Jugendstil-Viertel der Mathildenhöhe herum, um die Pein zu lindern. Florales Ornament gab dort Hofnung und Ausblick. Als einiges in Barcelona schieflief, flüchtete er in Richtung der Pyrenäen, nach Ripoll, einem Ort mit einem herrlichen Kloster. Als Skrugel Bremen satthatte und trotzdem noch dort weilte, gab das Städtchen Elsfleth an der Weser einen exquisiten Fluchtpunkt ab. Und von Nürnberg aus wandte er sich zum Irrhain, einem Wäldchen hinter dem dortigen Flughafen, von Barockdichtern gegründet, verwildert und mit verwitterten Stelen bestückt.

Zog L'Isle-sur-le-Doubs kleine Fluchten aus Belfort und Besançon an? Möglicherweise aus dem gesamten Burgund?

Mudev Skrugel konnte sich einen ganzen Atlas von kleinen Fluchten vorstellen, ein mehrbändiges Werk mit bunten Linien, die sich kreuzten. Vielleicht wäre L'Isle-sur-le-Doubs ein Kreuzungspunkt mehrerer Linien?

Nur: Waren die kleinen Fluchten der einen die Auzsgangspunkte der anderen? Oder andersherum gefragt: Wohin würden die Einwohner von L'Isle-sur-le-Doubs flüchten, wenn sie von dort wegwollten? Blieben sie ohne jegliche Chance zurück? Blieb ihnen nur noch eine Art der inneren Emigration? Oder eben der Rest der Welt, angefangen mit Belfort und Besançon? Das war vermutlich die stimmigere Variante.

Band 1 dieses Atlas-Werkes kleiner Fluchten gäbe einzelne Punkte. Band 2 verbände diese Punkte zu einem Fluchtweg-Plan in alle Richtungen gleichzeitig und Band 3 vermittelte die dadurch entstehende Ästhtetik in anschaulichen Bildern. Es entstünde also mit der Zeit ein dreibändiges Standartwerk, der Einfachheit halber "Der Isle-sur-le-Doubs" genannt, oder gleich in die Umgangssprache übersetzt:

>>Schlag' doch mal im Isle nach!<<

oder:

>>Besorgen Sie sich den Isle noch heute und das Morgen wird anders aussehen! Drei Bände, nur 99 Euro 99<<

Er fuhr weiter. Und obgleich er sich von dem Städtchen fortbewegte, blieb er in Gedanken noch immer in L'Isle-sur-le-Doubs zurück. Mudev Skrugel überlegte, ob er sich nicht an ein Kunstwerk erinnern könnte, an ein einzelnes Kunstwerk, das wenigstens ansatzweise etwas ähnliches wie L'Isle-sur-le-Doubs zum Ausdruck brächte. Ein einzelnes Kunstwerk, ohne jeden Vergleich mit irgendeinem anderen Gemälde. Nach einigen Wegbiegungen, Kreuzungen und Anzweigungen in Richtung Süden oder Südwesten kam ihm tatsächlich eines in den Sinn. Ein Bild aus dem späten 19. Jahrhundert, ein wenig melancholisch zwar, doch voller Geheimnis, Der Kanal Saint-Martin in Paris von Stanislas Lépine, Öl auf Leinwand, 108 x 159 cm, ein geräumiges Format also, genug an Fläche, um beim Betrachten tief hineinzutauchen. Durch die Mitte des Gemäldes erstreckt sich wie in einer zähen Fluchtbewegung vom Betrachter weg das Wasser des Kanals hin zum Horizont, wo eine Brücke wie zur Krönung zu erkennen ist. Auf dem Fluß, zur Brücke hin schwimmend zieht ein Kahn genau zu dem Lichtpunkt auf dem Wasser, eine Reflektion der teilweise wolkenverhangenen Sonne, vorbei an links festgemachten Schiffen und zwischen zwei Ufern hindurch, die trotz der Sonne in ein mysteriöses Dunkel getaucht sind. Links ist städtische Bebauung erkennbar, Lagerhallen oder Wohnhäuser, genau ist das bei diesen überaus prekären Helligkeitsverhältnissen nicht auszumachen. Rechts diffuse Häuser, ein Schlot, ein Turm und – vielleicht – ein Farbtupfer Licht in einem der Häuser: Ein Beobachter, versteckt hinter der Gardine und bei vergilbter Blümchentapete dahinhuschend... ? Man kann nur raten. Stanislas Lépine will uns offensichtlich als Ratende. Er hat das Bild so gemalt. Er wollte es so. Auf dem linken Ufer hingegen ist deutlich Leben zu erkennen: Badende auf einem wackeligen Brettersteg, von denen einige dem Anmschein nach versuchen, zu dem vorbeiziehenden Kahn hinzuschwimmen, während auf dem Steg eine unerklärliche Starre in den Knochen der Menschen sitzt, eine Art von Ehrfurcht vor... dem Schiff? ...der Szenerie als solcher? ... vor dem Wasser? Kein Laut scheint die Luft zu durchschneiden, eine numinose Stille durchwirkt das Wasser, das Ufer, den Himmel. Das Gemälde scheint das Innehalten zwischen Ein- und Ausatmen zu verkörpern, jene Todessekunde mitten im Leben, die als Hauch erzittert und keinen Ton von sich zu geben weiß außer einem leichten Röcheln als Nachhall. Peinigend schroff erweist sich der Unterschied von Hell und Dunkel, von Licht auf dem Kanal und gleichzeitiger Düsternis an den Ufern. Oder sind die abgebildeten Häuser, Menschen und Schiffe nicht gleichzeitig vorhanden? Rast vielmehr das Bild mit dem betrachtenden Augapfel dahin, und geht es dabei so geschickt vor, daß es auf den ersten Blick unbemerkt bleibt? Kommt von daher die geisterhafte und doch sehr angenehme Starre des Gemäldes? Liegt in der Ölfarbe des 19. Jahrhunderts auf der Leinwand des 19. Jahrhunderts ein Zauber, der im 20. und 21. Jahrhundert nur noch selten erkannt wird? Flüstert das Bild gar ungeformte Wörter, Sätze, eine ganze Geschichte vielleicht? Hat noch niemand das Ohr an die Farbe gelegt, um zu hören, ganz einfach, weil im Museum mit dem Ölbild sicherlich eine Alarmanlage verbunden ist oder weil so ein Ohr an einem Gemälde einen Fettfleck hervorbringt und so ein Fettfleck – im Allgemeinen – der Konservierung des Kunstwerks für die kommenden Jahrhunderte entgegensteht? Jagt uns also Der Kanal Saint-Martin in Paris eine Ehrfurcht ein, um sich selbst möglich lange zu erhalten? Oder ist das Werk schlichtweg schaurig-schön, und den Rest darumherum mag man sich einbilden oder man mag es bleibenlassen? Schließlich ist niemand gezwungen, von der bloßen Ästhetik zur Interpretation fortzuschreiten. Im Grunde ist die Ästhetik – der "schöne Schein" – oft mehr als genug. Sie vermag mitunter sogar dem Wissen das Wasser abzugraben oder es wenigstens zu kanalisieren wie eben im Kanal Saint-Martin in Paris und dem Bild mit seiner verhallten Atmosphäre in den Pinselstrichen des Stanislas Lépine. Hat irgendwer etwas gesagt? Nein, nicht direkt, aber möglich ist vieles. Es gilt, dem Hall nachzulauschen, wie es so schön heißt, die Ohren zu spitzen als kunstberauschter Osterhase im Abwind eines sehr, sehr ernsten Ölgemäldes.

Ein Witz ist das nicht. Das ist ernst. Das ist sehr ernst. L'Isle-sur-le-Doubs ist angenehm ernst

, dachte Mudev Skrugel. Im Wagen, mit der Glut des Kaffees, den er in L'Isle-sur-le-Doubs getrunken hatte, im Magen und mit der französischen Telephonkarte in der Tasche seines Jackets fühlte er so eine Art von nie zuvor gekannter Ernsthaftigkeit, ja, nahezu Anständigkeit und Aufrichtigkeit durch die Ästhetik der verfallenden Bausubstanz und seinen Blick darauf, der ihm nunmehr auf eine überraschende Weise rein erschien. Nicht sauber, nein, ganz im Gegenteil: rein. Rituell rein, wie der ein Leben lang feucht gehaltene Augapfel, der nach den Dingen der Welt späht und der nach dem Tod des Körpers als einer der ersten Fleischteile zerfällt.

Benützt die Seele also das Auge zum Zwecke des Sehens, weil es so weich ist? Selbige Seele hätte sich ja auch für die Knochen oder irgendwelche besonders zähen Sehnen entscheiden können. Oder für die Hornhäute und die Nägel an Händen oder Füßen. In einem solchen Fall wäre das Sehen nahezu automatisch zu einem Zupacken geraten. Nein, die Wahl ist eindeutig: Ein Auge muß es sein, ein Auge und nichts als ein Auge, das in einer Schädelhöhle dahinrollt, sogar dann, wenn das Lid des Nachts darübergezogen ist und die Wimpern sich berühren, um es abzudecken. Davon allerdings – und das ist wirklich schlau – gleich zwei, oder im religiösen Sinne drei, mit dem dritten Auge für die Sicht nach innen, wie es vor allem im Osten erzählt wird.

Eine runde Sache, dieses runde Augenfleisch, das dem Sehen dient, und das man –ebenfalls sehr schlau – auch tagsüber schließen kann, wenn etwas in den Gesichtskreis gerät, was man nicht sehen möchte. Ein einfaches Schließen der Augen löst vielleicht nicht ein Problem, lindert und mindert aber durchaus dessen Dringlichkeit. Wer die Augen schließt, ist wieder bei sich selbst, und dort ist er – zumindest fürs erste – recht gut aufgehoben.

Mit den Ohren ist das schwieriger. Manche übelwollenden Klänge lassen sich kaum aussperren.

In der Zwischenzeit hatte sich Mudev Skrugel schon eine gutes Stück von L'Isle-sur-le-Doubs entfernt. Mehr und mehr kam ihm ein Schild zu Bewußtsein, auf dem Verglas frequent stand. Nun wußte er nicht, was verglas bedeutete, aber es schien sich auf die eine oder andere Art von Schlittern oder Rutschen zu beziehen. Ein Französisch-Lexikon hatte Mudev Skrugel nicht im Auto. Doch der Gedanke an Rutschen und Schlittern verschreckte ihn: Würde er es doch nicht schaffen, dem Wintereinbruch in Mitteleuropa davonzufahren und die Dunkelheit zurückzulassen, um sich mehr Licht, wärmeren Temperaturen, weniger Regen und einem allgemeinen Optimismus zuzuwenden? War Eis und Schnee stärker und schneller als Mudev Skrugel?

Verglas frequent

: Eine drohende Botschaft.

Allein der Klang des Wortes verglas sprach für sich. Skrugel mußte es nicht verstehen, um seine Bedeutung zu erfassen. Verglas, das war nicht gut... Das konnte einfach keinesfalls gut sein. Niemand könnte zu einer angenehmen Sache ein Wort wie verglas sagen. Worte haben Töne und Klänge; das wußte Mudev Skrugel schon seit Jahrzehnten. Manche Worte hatten die Fähigkeit, ein Leben lang zu klingen. Nahezu ein akustisches Perpetuum mobile. Es scheint, als habe vor dem Leben, vor dem Geboren-Werden, ein Vorspiel im Wortkanal stattgefunden, eingewoben wie ein Fluch seit diesem theaterhaften Vorspiel, doch zuletzt kommt dennoch ein Ist gerettet!, und die Worte gehen fort. Kamen die Worte also als Vorwürfe, konnte die rettende Antwort nur Ja! Ja! Ja! heißen. Ein Lachen, ein Ja, rundheraus ein Ja. Einen Vorwurf konnte man nur bestätigen: ja! Und gegen die Worte des Vorwurfs ließ sich sowieso nichts ausrichten; es handelte sich zumeist um Kritiksucht, um eine unheilbare Krankheit oder um loses Geplapper, das sich ein kluger Mensch sowieso nicht allzu allzu sehr zu Herzen nehmen sollte.

?●●

Vor- und Nachspiel

oder:

Die erstaunliche Erotik von heutzutage

Vorwurf

: Sie dichten da etwas in L'Isle-sur-le-Doubs hinein, das gar nicht darinsteckt!

Antwort

: Ja ja! Genau! Genau!

Vorwurf

: Glauben Sie wirklich, Sie können so weitermachen?

Antwort

: Aber ja, ja!

Vorwurf

: Sind Sie ein Umweltverschmutzer, ein Lügner, ein Bandit?

Antwort

: Ja, ja, gewiß, gewiß! Sie haben Recht! Sie haben immer Recht! Ich liebe Sie!

Vorwurf

: Dann sind Sie ein Schwein!

Antwort

: Jaja, ja, ja!

(grunzt, geht ab)

– Vorhang –

?●●

Das, so glaubte Mudev Skrugel, war die praktische Seite des Lebens. Der Rest ist – so Skrugel – sowieso Poesie. Und was im Schatten dieses Geschehens dann tatsächlich geschah, befand sich jenseits der Worte, an einem Ort des reinen Klangs. Wo das Reden endet, gibt es auch kein Geschrei.

Das stundenlange Autofahren ohne plötzlichen tödlichen Anprall und Absterben hatte auf Mudev Skrugel eine eigentümliche Auswirkung. So manches Mal, wenn er auf die Landschaft hinaussah, erschien es ihm als stünde er still und die Landschaft würde vor seinen Augen vorbeigezogen. Er wurde in solchen Augenblicken stets etwas läppisch, oder wie die Mediziner sagten: affektinkontinent (was typisch war für Verletzte, die mit der Stirn gegen ein plötzliches Hindernis angeprallt sind). So lachte er laut und schallend über eine Bierwerbung kurz vor Besançon:

Toute la Bavière

dans une bière

Später wurde er – zumindest einterpretierte Skrugel das so – aufgefordert, alles für ein Schwimmbecken aufzugeben:

Tout pour la piscine!

Das klang in seinen Ohren wie das Motto der spanischen Guardia Civil: Todo por la patria! ("Alles für das Vaterland!")

Im Grunde, schlußfolgerte Mudev Skrugel, wäre nun die Zeit für eine Rast gekommen, um sich ein wenig auszuruhen. Derartig läppische Empfindungen hatten eine schlechte Auswirkung auf seinen Fahrstil und überhaupt auf seine Person als solche. Doch wo? Er wollte die Augen offenhalten.

Früher als erwartet erreichte Mudev Skrugel Besançon, und so mußte er die Suche nach einem Parkplatz auf die Gegend dahinter verschieben.

In einem der weltweit gleichen, grauenhaften Blöcke- und Hochhausviertel in Besançon fand sich ein Boulevard Winston Churchill. Es lohnte sich also nicht, berühmt zu werden, denn die Straßen, die dann anch einem benannt werden würden, wären nur Wege durch gräßliche Neubauten, Klötze, Blöcke. Eine Motivation weniger.

Es begeisterte Mudev Skrugel, daß auf den französischen Straßenschildern ganze Sätze zu lesen waren:

Pour Lyon par route nationale suivre Lons.

Oder:

Cédez le passage!

Als Skrugel einer Kurve folgte, die aus Besançon herausführte, erinnerte ihn dies an eine andere Kurve, die er in früheren Zeiten des öfteren gefahren war, nämlich jener Biegung in der Straße, die sich aus dem württembergischen Herrlingen zieht, um sich entlang des Flüßchens Blau in eine geschlängelte Gerade nach Blaubeuren zu verwandeln. Warum also gab es Ähnlichkeiten? Mudev Skrugel hätte es wesentlich angenehmer gefunden, wenn nichts mit etwas anderem ähnlich wäre, absolute und weit voneinander getrennte Monaden, erregende Fahrten zwischen scharfen Gegensätzen. Doch die Welt war eben so, wie sie war, sagte sich Skrugel, und damit mußte er zurechtkommen. Also ähnelten immer wieder geographische Punbkte einander und Besançon ließ sich – zumindest in einem einzigen Detail, einer Kurve – mit Herrlingen vergleichen.

Auf einer Anhöhe weit hinter Besançon fand er schließlich einen Parkplatz. Da es kurz zuvor geregnet hatte, und er den Parkplatz dennoch im Trockenen erreicht hatte, kalauerte er Pissen oder angepißt werden – Das ist hier die Frage! Rette sich, wer kann! Sauve qui peut!

Oft wurde vom Kind im Manne gesprochen; Mudev Skrugel vermutete dagegen auch einen atavistischen Hund im Manne, denn stets suchte er sich einen Baum zum Anpissen. Niemals würde er sich frei in die Landschaft stellen. Das war – Skrugel gemäß – ein sehr altes Erbe. War es deswegen auch ehrwürdig? Vielleicht war es flasch, ehrwürdig zu sagen, überlegte er. Aber es war in jedem Fall schöpferisch. Das Holz des Baumstammes zeigte sich danach durch einen Spitzbogen benäßt; diese Gotik erfüllte Mudev Skrugel mit tiefem Stolz: Er hatte geschöpft, geschaffen, kreiert, etwas in die Welt gesetzt, wie Gott, der Herr, der Vater, der Allmächtige, nur eben in den Dimensionen etwas bescheidener. Eine Gotik der Natur. Vielleicht waren die ersten Baumeister gotischer Bauwerke auf genau diese Art zu ihren spezifischen Arvchitekturformen gekommen: Der gotische Pißbogen. Seit langer Zeit beschäftigten sich Kunsthistoriker und andere Intellektuelle mit der Frage, wie es zur Gotik gekommen war, warum etwa ab 1150 eine Ausformung von Details begann, die zuvor, bis zur Romanik, nicht existiert hatten. Warum hatte sich die Gotik dann so schnell entwickelt und in der Apsis der Kathedrale von Chartres etwa 1250 einen Höhepunkt erreicht, um selbst dananch noch lange stilprägend zu bleiben? Ja, warum war selbst nach dieser Gotik noch nicht Schluß mit den Spitzbögen, so daß es gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Neo-Gotik im Rahmen eines allgemeinen Historizismus kommen konnte?

War der Grund eine volle Blase? Das heißt, vielmehr die volle Blase eines jeweils einzelnen Menschen, allein vor einem Baum, ein einzelner Schöpfer, ein überwältigend positives Gefühl von Macht und Kraft? Ein durchdringender Monismus eines Herrn der Herrlichkeit unter Blasendruck?

Die Befreiung lag also nicht nur in der nunmehr leeren Blase, sondern im Schöpfen, im Kreieren, darin, daß dort draußen etwas zurückbleibt. Und daß es wohlgeraten war.

Wieder bemerkte Skrugel, daß bei den Straßenschildern in Frankreich in der Tat Denken angebracht war: Vous n'avez pas la priorité!

Vor Lyon und bei der wieder herausgekrochenen Sonne ereilte ihn ein Müdigkeitsanfall. Aber was sollte er tun? Er mußte weiterfahren, so oder so. Immerhin: Es schien etwas wärmer zu sein. Hatte er es vielleicht doch noch vermocht, dem drohenden mitteleuropäischen Wintereinbruch davonzufahren? Andererseits erspähte er am Straßenrand eine Frau mit Kapuze und Handschuhen. Das sah nicht nach gelungener Flucht vor dem Wintereinbruch aus!

Später, während der Durchfahrt von Lyon, bestätigten sich Skrugels Zweifel: Es war kalt.

Er erreichte Vienne hinter Lyon, während es bereits dunkel war und auf verschlungnenen Landstraßen entlang herrlich abgewohnter, leicht verfallender Häuser. Vienne, direkt an der Rhône gelegen, von ihr nur durch einen dicken Strang von autobahnartigen Straßen getrennt, die in den Süden führten, für die jedoch keine péage zu entrichten war. Der stockende Verkehr erlaubte es Mudev Skrugel, die Fassaden der düsteren, riesenhaften alten Häuser am Ufer zu studieren. Sie begeisterten ihn, sie erregten ihn; er mußte aufpassenm, über ihrem Anblick nicht vollends außer sich zu geraten und den Wagen direkt in die Rhône zu steuern. Er wäre so einen ähnlichen Tod wie die Friseurmeisterswitwe gestorben, wäre ähnlich angeprallt und abgestorben, nur in einem größeren Kessel, bei geringerer Temperatur und mit etwas weniger Seife darin. Zum gebenedeiten Gygax noch einmal! Hin und wieder war eines dieser Häuser brutal herausgebrochen worden und zeigte in der stehengebliebenen hinteren Wand ein Muster von abgefetzten verblichenen Tapeten. Der Anblick der abgerissenen Häuser schmerzte Mudev Skrugel. Er hätte weinen, schreien, brüllen, brachial herusbrüllen können.

Diese alten Häuser zu betrachten hätte mit Leichtigkeit ein Lebenswerk von Skrugel werden können. Es schien ihm, als kenne er sie alle, jedes einzelne Haus, jeden Korridor im schwachen Funzellicht einer von der Decke herabbaumelnden Glühbirne, jeden verwinkelten und in sich verdrehten Treppenaufgang aus knarzendem Holz, jede Türe, hinter der eine Wohnung steckte, die sich jenseits von Raum und zeigt bewegte. Er kannte jeden Winkel dieser Häuser und ihr Zwielicht und dennoch fraget er sich immer wieder, zermarterte sich nahezu minütlich aufs Neue den Kopf mit der einen eminenten und beherrschenden, nahezu überwältigenden Frage:

Wer wohnte in diesen Häusern?

Wer konnte in diesen Häusern wohnen?

Wer durfte in diesen Häusern wohnen?

Waren es arme oder reiche Leute? Galt es als Privileg oder sah man auf die herab, die dort wohnen mußten? In welcher Zeit lebte Skrugel und in welcher die anderen? Dies hätte der Anfang einer romantischen Verfalls-Wissenschaft werden können, doch Mudev Skrugel mußte weiterfahren, da er sein Ziel erreichen wollte, und so blieb ihm nur die glückliche halbe Stunde der Durchfahrt durch Vienne, die dem Stau und dem nachfolgenden zähflüssigen Verkehr geschuldet war.

Vienne, ein Wien, ein Vienna des Geistes der Durchreisenden.

Vienne, ein Spuk an den Ufern der Rhône.

Das orange-gelbliche Licht der Stadt tat ein Übriges und Mudev Skrugel phantasierte sich in eines der Häuser hinein, während sein Körper – wie ferngesteuert – das Auto weiter in Richtung Süd-Westen lenkte, das Rhône-Tal hinunter.

Das Licht war schummrig im Inneren des Gemäuers. Offensichtlich eine Biblikothek. Der Bibliothekar behauptete, er sei 108 Jahre alt, und Mudev Skrugel wußte: In Indien war die Zahl 108 heilig. Warum, das wußte niemand, aber es war so, und es war darüber hinaus eine Tradition.

Dann war er wieder ganz und gar im Wagen und hatte Vienne hinter sich gelassen. Ein kurzer Traum, aber immerhin! Besser als nichts. Hier war Mudev Skrugel ganz und gar praktisch veranlagt, ein echter Pragmatiker.

War der Traum kurz, so konnte dies lediglich als Hinweis darauf gelten, daß er eines Tages etwas länger werden würde. Schließlich gab es ein beständiges Auf und Ab, und so entsprach der kurze Traum dem Ab, und der lange dem Auf, dazwischen verbarg sich ein bloßer Zeitfaktor. Zeit konnte überwunden werden oder es ließ sich darauf warten, bis sie ablief wie ein altes, ranziges Uhrwerk. Mit der Zeit, mit dieser Zeit wiederholte sich auch beinahe alles oder bezog sich aufeinander. Zeit war ein vorgefertigter Adventskalender: Die ersten Türchen, die sich öffnen lassen, sind noch einfallsreich, ein Nußknacker, ein Häuschen, ein Schneemann, eine Christbaumkugel oder eine brennende Kerze. Später jedoch, je näher man der Zahl 24 und damit Weihnachten kommt, sind den Machern des Adventskalenders die Ideen ausgegangen, und jedes Türchen verbirgt nur noch einen Engel, mal einen weißen Engel, dann einen blauen, dann einen roten oder gelben, aber eben immer einen Engel von derselben Spezies: Lächeln, Flügel und einen gewissen Impetus zum Fliegen oder wenigstens zum Schweben. Kein Wunder, daß Mystiker aller Religionen davon sprachen, sich über den Bereich der Zeit zu erheben.

Mit der Zeit, mit eben dieser Zeit, die verstrich, während Mudev Skrugel stunden- und tagelang weiter in Richtung Süden fuhr und der Wagen eine metallene zeitlose Kugel darstellte, die ihn in eine draußen existierende andere Zeit und an einen anderen Ort brachte, kam ihm mehr und mehr seine Familie in den Sinn, die bereits dort angekommen sein mußte, wohin er sich noch, von Dieselkraftstoff getrieben, hinbewegte.

Ob seine Tochter wohl ein neues Wort ihrer eigenen Sprache erfunden hatte?

Vielleicht sollte er nicht erfunden dazu sagen, sondern geoffenbart.

Vorzüglich evaluiert!

sagte Mudev Skrugel zu sich selbst und erschrak über dieses Wort, das ihm da entschlüpft war. Evaluiert. Evaluation.