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2. Kapitel: Gebenedeit

erstellt von Thomas Stemmer zuletzt verändert: 21.10.2007 15:09

Mudev Skrugel hatte die Religion, in der er aufgewachsen war, längst verlassen und war zu einer anderen Richtung konvertiert; trotzdem waren ihm gewisse Worte im Gedächtnis hängengeblieben. Neben dem etwas düsteren Absterben das traumhaft-verwobene und doch klanglich so daherpolternde Gebenedeit. Gebenedeit: das klang fest und volldröhnend.

Gebendeit zu hören war wie mit dem Kopf dagegenrennen, sich die Stirn verletzen und dennoch im Fallen einen auf der Straße liegenden Geldschein zu erspähen: Geld genug für den Arzt und zusätzlich für spätere Freuden. Wenn sich Mudev Skrugel recht erinnerte, kam dieses Wort gebenedeit in Zusmmenhang mit der Frucht des Leibes vor. Das gab der bloßen Klangfolge gebenedeit einen Hauch von zusätzlicher oder vielmehr wesentlich erweiterter Bedeutung.

Vielleicht , so mutmaßte Skrugel, konnte man Religionen auch nach ihrer Fruchtigkeit klassifizieren. So gesehen war die Religion seiner Kindheit, diejenige mit dem Wort gebenedeit, das ihm im Gedächtnis eingebrannt war, gewiß nicht die schlechteste.

Als er im Alter von 18 Jahren, gerade volljährig geworden, einer anderen Religion beitrat und die `alte´ verließ, prophezeite der Vater den baldigen Besuch des Gerichtsvollziehers, da sich diese `neue´ Religion über den Verkauf von Studienmaterial finanzierte. Doch hier hatte sich sein Vater geirrt. Vielleicht würde Mudev Skrugel eines Tages tatsächlich aus spezifisch metaphysischen, mystischen oder religiösen Gründen bankrott, dies geschähe dann jedoch auf einem überaus indirekten Weg. Es war nämlich schon immer seine Eigenart gewesen, bei jeder großen Veränderung in seinem Leben ein schönes neues Buch zu kaufen und so sein Bücherregal in ein Aggregat der Erinnerung zu verwandeln. Viel Veränderung, wie das bei einer guten Religion der Fall sein sollte, bedeutete viele gekaufte Bücher: Der Bankrott winkt! Als Skrugel vor seiner Abfahrt in Richtung Süden das Weidener Haus in der Türlgasse verkauft hatte, ging er schnurstracks in den Buchladen Stangl-Taubald, gleich bei Kaufhof, vormals Hertie, um die Ecke, und erwarb ein 10 Euro teures Buch über die Zerstörung der grenznah gelegenen deutschen Dörfer in der damaligen Tschechoslowakei durch die Kommunisten. Sein Lieblingsbuchladen in Weiden war zwar die Buchhandlung Schlegl, doch die existierte nicht mehr. Viele, viele Jahre zuvor, als Mudev Skrugel im Alter von 18 Jahren die Religion wechselte, war es die englische Originalausgabe von The Old Man and the Sea von Ernest Hemingway. Im damaligen Finanzrahmen des Taschengeldes eines Abiturienten stellete das durchaus eine recht saftige finanzielle Belastung dar: He was an old man who fished alone in a skiff in the Gulf Stream and he had gone eighty-four days without taking a fish. In the first forty days a boy had been with him. But after forty days without a fish the boy's parents had told him that the old man was now defintely and finally salao, which is the worst form of unlucky...

Gebenedeit! Der Buchkauf und der Religionswechsel öffneten zusammen einen breiten Weg durch die Mitte zwischen Geist und Papier. Der mittlere Weg: Lord Buddha wäre stolz auf Mudev Skrugel gewesen.

Up the road, in his shack, the old man was sleeping again. He was still sleeping on his face and the boy was sitting by him watching him. The old man was dreaming about the lions.

Gebenedeit!

Gebenedeit: Ein Wort, das sich durch seinen Klang festbrannte. Ein wenig Zeit nur war vergangen und schon konnten also auch Bücher gebenedeit sein. Gebenedeit Stafan Zweigs Schachnovelle und Elias Canettis Der Ohrenzeuge, beides Bücher, die er sich kaufte, nachdem er sich aus der Vormundschaft eines ehemaligen Freundes befreit hatte. Und am Ende der Fahrt in Richtung Süden, dessen war er sich gewiß, wollte er sich Cervantes' El ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha besorgen. Grund genug, die Fahrstrecke gut hinter sich zu bringen und ohne abzusterben, gebenedeit anzukommen. En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme, no ha mucho tiempo que vivía un hidalgo de los de lanza un astillero, adarga antigua, rocín flaco y galgo corredor. Bücher säumten Mudev Skrugels Weg. Und es galt anzukommen.

Skrugel durchquerte die Nachtschwärze bis Colmar. Am Stadtrand mietete er sich in einem der recht gleichförmigen modernen Hotels ein. Beim Aufstellen des Koffers fiel ihm auf, wie sehr man doch als Hotelgast bestrebt sein kann, sich selbst für die wenigen Stunden unter dem Dach des Hotels einzurichten, sofort nach der Ankunft ein System zu etablieren, das bis zum Wiederverschließen des Koffers seine Gültigkeit behielt. Alte Kleidung hier, frische Kleidung dort. Notizzettel, Stift und Bücher in einem Sinnzusammenhang in der Nähe des Bettes und den sogennnten Kulturbeutel geöffnet ins Bad. Den von der Morgenrasur noch feuchten Pinsel aufgestellt, damit er wenigstens zwischendurch trocken werden kann.

Mudev Skrugel blickte sich um. Das moderne Zimmer verwahrte einen Eindruck von beginnender Schäbigkeit. Alte Hotels wurden charmant, neue schäbig. Das Preßholz trennte sich an einigen Stellen von seinem Plastikbelag. Sicherlich, Skrugel war froh, ein Zimmer zu haben, doch konnte er sich dieses Eindrucks nicht erwecken. Statt eines Schlüssels hatte man ihm eine Plastikkarte ausgehändigt. Es hatte also schon damit begonnen, als er zum dritten Mal an der Rezeption erschienen war, um die Botschaft Funktioniert nicht! abzuliefern. Schließlich begleitete ihn die Hotelangestellte und öffnete das Zimmer. Danach besah er sich die Ausstaffierung dieser Bühne, und es setzte sich am nächsten Morgen fort mit den verzweifelten Versuchen, beim Frühstücksbuffet Milch, Löffel, Tasse, Teller zu finden und anschließend von der Hotellobby aus nach Deutschland zu telephonieren, nur um dreimal hintereinader bei einer französischen Familie anzukommen, wonach er die Angestellte bitten mußte, doch für ihn die Tasten des Telephons zu betätigen. Als Begleitmusik dazu hörte er andere Autofahrer, die ihre Winschutzscheibe freikratzten. Hatte ihn der Wintereinbruch trotz allem noch eingeholt?

Die Sonne widersprach dieser Befürchtung Mudev Skrugels.

Gleich nach seiner Abfahrt am nächsten Morgen fuhr Mudev Skrugel an einer Nachbildung der New Yorker Freiheitsstatue vorbei. Ein gutes Zeichen, wie er mutmaßte. Er wandte sich in Richtung Belfort. Von geographischen Koordinaten her wußte er, daß er sich nunmehr der Burgunder Pforte, der Porte de la Bourgogne, dem wahren Eingang nach Frankreich, jenseits des französisch-deutschen Wechselbalgs Elsaß-Lothringen, nähern mußte. Er fuhr geraume Zeit an einer Bergkette entlang, mußte manchmal das Auto auf sie zu richten und ein anderes Mal wieder von ihr weglenken. Hatte diese Bergkette schon etwas mit der Burgunder Pforte zu tun? Oder machte er es sich mit interpretativen Schnellschüssen eindeutig zu einfach? Es muß nicht gesondert betont werden, daß auch dieses Wort Burgunder Pforte bei Mudev Skrugel eine reichhaltige Kette von Bildern auslöste. Burgunder Pforte... Ein altes Holztor, das sich knarrend öffnete, ein uralter Pförtner mit wettergegerbtem, faltigem Gesicht: Oui, monsieur? Qu'est-ce que vous voulez?

Mudev Skrugel vertrat die Idee, daß diese beständigen Gedankenverbindungen zwar nicht einem bodenständigen Verständnis von Wahrheit entsprach, wie es schon in der philosophischen Logik gepredigt wurde, etwas war entweder "A" oder "nicht-A", A oder ¬A, doch zur Aufrechterhaltung und der Öffnung der Pforte in die Traumwelt überaus nützlich war.

Wem gegenüber vertrat er diese Idee? Die Logik dieser Angelegenheit legt nahe, daß es genügt, diese Idee sich selbst gegenüber hinreichend zu vertereten. Der Rest ergibt sich dann auf eine ganz und gar wundersame Weise wie von selbst Lao-tse in der deutschen Übersetztung von Walter Jerven: Ihr Gleiches ist das Wunder / Das Wunder der Wunder / Alles Wunder-Vollen Tor.

Noch immer dominierten deutschsprachig eingefärbte Ortsnamen. Die Häuser waren denen im benachbarten Deutschland nicht unähnlich, jedoch eindeutig weniger renoviert und daher auch weniger steril.

Der weitere Weg in Richtung Belfort war schwer zu definieren, doch sicher war eben diese Richtung: Belfort. Darin lag eine gewisse Stabilität und Kontinuität. Ab einem bestimmten Alter wurde es im Leben schwieriger, Kontinuitäten zu sehen. War Mudev Skrugel vor fünf Jahren auch bereits Mudev Skrugel? Vor zehn Jahren? Fünfzehn? Immerhin: Es gab das Archiv in Mudev Skrugels Auto. Durch dieses Archiv entstand Kontinuität. Es lagen darin alte Blätter, vergilbt zwar, doch – immerhin – existent. Auf genau diese Weise ließ es sich vorzüglich Belfort erreichen, selbst wenn dieser Weg nach Belfort nicht unbedingt allzu weit in sein Bewußtsein vordrang. Wenn sich Skrugel streckte, konnte er während der Fahrt, ohne die Augen von der Straße zu nehmen, nach hinten greifen und mit den Fingern die ersten Ausläufer seines im Auto festgekeilten Archivs berühren. Papier! Glückliches Papier! Papier und immer nur Papier! Im Papier lag eine versponnene Welt. Aufzeichnungen, Tagebücher, Traum-Tagebücher, Notizen, Artikel, Durchschläge, Ausdrucke, Handschriften, Papier voller Worte, prall gefüllt, nahezu feist zusammengedreht, geheftet, geklammert oder geklebt, kurzum: gebenedeit, eines jener Worte.

Das Archiv im Wagen gewährte Fortdauer, in jenem Sinne beinahe seelisch, unsterblich und unteilbar. Mudev Skrugel befühlte sein Archiv mit der einen Hand, während er den Wagen mit der anderen lenkte, undc erinnerte sich der Worte aus der Bhagavadgita (II.12) na tu evaham jatu nasam / na tvam neme janadhipah / na caiva na bhavishyamah / sarve vayam atah param: `Nie gab es eine Zeit, da ich nicht war und du und diese Fürsten, noch wird je eine Zeit kommen, da wir nicht mehr sein werden´.

Da in einem Winkel seines Wagens Bücher, vor allem heilige Bücher aus allen nur erdenklichen Religionen, mystischen und okkulten Gruppierungen oder Sekten im besten Sinn des Wortes verstaut waren, konnte er sich jederzeit von der Richtigkeit der Zitate, die in seinem Kopf kreuz und quer liefen, überzeugen. Es war Mudev Skrugels wichtigste Welt, in der er sich bewegte, in irrationalen, künstlerischen und scheinbar verqueren Zusammenhängen, im analog Nebeneinanderher-Denken von zunächst Nicht-Verbundenem, im Verfall von Wörtern, Worten und Bildern, im Bröseln und in der Ekstatse des geistigen Staubs, in beglückenden und erschreckenden Bildern, im wahnwitzigen Dahinstürzen über Konzepte, Ideen und Erfahrungen weit außerhalb des Gewohnten, in Ecken und Winkeln oder im Seelenreisen-Flug über Wüsten und schroffe Gebirge sowie in klammen Spiegelbildern, die sich auf der Oberfläche der abgekühlten Tasse Kaffee zeigen, schöne Antlitze und Fratzen, Feen, Explosionen, Brummgeräuschen in Ohr und Herz, im Klingeln von Glöckchen oder dem einzelnen angehaltenen Flötenton. Er liebte Hörfehler oder falsch entzifferte Aufschriften, den göttlichen Irrsinn, der nur einen einzigen Millimeter hinter der Kulisse des reinen Anblicks lauert und der Seele Zucker hinwirft. Jede Bewegung, sei sie geistiger oder körperlicher Natur, bedeutete für Mudev Skrugel ein Schlittern auf dem ausgestoßenen Schaum und Schleim der Seele, dem metaphysischen Auswurf vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Dieses fettige und mit Puderzucker bestäubte numinose Gebäck verbarg diverse Marmeladen oder Schokoladen von reinster Mystik im tagtäglichen Aufschrei der Seele.

Tröstlich, in der Tat: Seele.

Er hielt bei der nächsten Gelegenheit an, holte sich eines jener Bücher, die er selbst transportierte und die er nicht dem Spediteur anvertraut hatte, nämlich ein Lexikon, Harold Klemps A Cosmic Sea of Words, in dem er unter dem Stichwort Soul nachlas. Soul. Atma. (...) That which has no form, no movement, no location in the world of time and space but has the ability to know, see, hear, and perceive (...) the creative center of its own world (...) Das schöpferische Zentrum ihrer eigenen Welt.

Dazu holte er sich seine bibliophile Manesse-Ausgabe des klassischen persichen Liebesromans Leila und Madschnun von Nizami aus dem Jahr 1188 in der deutschen Übersetzung von Rudolf Gelpke. In Gelpkes Nachwort las er: Liebe, Wahnsinn und Dichtertum: der persische Meister hat diese drei Elemente der überlieferten Madschnun-Gestalt als sich gegenseitig bedingende Aspekte eines unteilbar Einen begriffen. Als ein <<magisches Dreieck>>, könnte man sagen. Sein Scheitelpunkt ist die Liebe. Zu ihr ist Madschnun berufen, ja, verurteilt von Anbeginn.

Dann fuhr er weiter. Solche Pausen sollte er nicht allzu oft einlegen, dachte Mudev Skrugel; schließlich hatte er noch ein gewaltige Wegstrecke vor sich. Er versuchte, das Radiogerät einzuschalten, doch erntete nur Rauschen. Auf dem Display jedoch war noch immer das Wort Bayern 2 zu lesen. Jede Reise, so schloß er ein weiteres Mal, vollzog sich von den einen Worten zu den nächsten hin. Manche jedoch bleieben lange bestehen. Bayern 2, das war ein angenehmer bayerischer Sender für klassische Musik und kulturelle Beiträge, und zumindest die Bezeichnung Bayern 2 war bei ihm geblieben. Sprache, Sprechen und Schrift hatten etwas Rettendes an sich.

Die Straße führte wieder von den Bergen weg. Da verstand Skrugel, daß die Porte de la Bourgogne ja genau das sein mußte, eine porte, eine Pforte. Folglich konnte die Straße nicht in diese Berge hineinführen, sondern nur durch eine Lücke in den Bergen hindurch. Sonst wäre die Bezeichnung Pforte unsinnig. Jetzt verstand er die Logik der Straßenführung.

Weiter in Richtung Belfort.

Flachland

und Berge, zwei sich gegenüberstehende Formationen, die sich jedoch gegenseitig bedingen. Doch wie genau stehen sie zueinander? Lieben sie sich oder hassen sie sich? Auf dem Weg nach Belfort, der zwar zumeist in der Ebene verlief, doch nahe genug an die Berge herankam, um sie beinahe anzukratzen, drängten sich solche Fragen auf. Vielleicht war es genug zu wisssen, daß eine gewisse, möglicherweise recht undefinierte Beziehung zwischen den beiden Phänomenen – Ebene und Berge – bestand. Mudev Skrugel reimte es sich munter geheideggert so zusammen, daß das Tal zum Berg hinauftalte und der Berg zum Tal hin hinunterbergte. Damit war er zufrieden. Das sagte ihm alles und verriet nichts. Und es klang hervorragend.

Fuhr Mudev Skrugel alleine mit seinem Archiv und mit den Büchern in Richtung Süden, so konnte das in Bezug zu einem Ausblick auf dem Bergesgipfel gebracht werden. Dachte er jedoch an Menschen, die er vermißte, etwa an seine Frau und seine Tochter, die mit einer Air- Berlin-Maschine einfach über ihn hinweg in den Süden vorausgeflogen waren, so entsprach die Erinnerung eher dem Aufenthalt im flachen Land mit schönem Bergblick. Seine Tochter hatte mit ihren paar Monaten bereits eine Menge köstlicher, schöpferischer und äshtetischer Wort-Neuschöpfungen hervorgebracht, ganz so, als sei sie jede Nacht in ihrenm luziden Kindertraum den berg hinaufgeflogen und habe in einer ehrwürdigen alten Truhe, die in einer Höhle dort oben versteckt stand, Worte wie glitzernde Goldstücke entdeckt, die sie dem Papa vom Bergesgipfel her an den Kopf warf. Sollte der Papa-Kopf doch ruhig Beulen bekommen von all den Goldstücken!

Als Mudev Skrugel an der Einfahrt zu einem der in Frankreich so oft vorkommenden Kreisverkehre warten mußte, klangen die Worte seiner Tochter laut vernehmlich aus einer weit oben im Berg liegenden Höhle zu ihm herab: Hachengeng! Oligai-a! Iwuaitl! Uriaigl! Ngeng-ho! Örgl! Hirgl! Dikidikitin, dikidikitin! Dui-dui-dui!

Seine Tochter besaß die eigentümliche Gabe, sich mitten in der Stadt in ihrem Kinderwagen aufzustellen und mit dramatischer Geste in dieser, ihrer eigenen Sprache zu den Vorbeigehenden zu predigen. Und darauf war ihr Vater – Mudev Skrugel – bis zum Platzen stolz. Eine wahrhaft Kulturschaffende, seine Tochter.

Dann durfte Mudev Skrugel in den Kreisverkehr einfahren. In die Sprache seiner Tochter mischten sich seit kurzer Zeit leider mehr und mehr Worte, die auch eine Bedeutung besaßen, wie zum Beispiel Papa. Schade, dachte Mudev Skrugel bei sich, die Worte mit reiner ästhetischer Kraft und frei vom Ballast der Bedeutungen waren doch die schönsten. Aber so war die Welt eben. Skrugel selbst sprach nur noch selten in rein ästhetischen, bedeutungslosen Wörtern. Nur so konnte er Schrift-Steller, Schrift-Hinsteller sein; ohne Bedeutungen wäre er ein Klang-Steller, ein Ohr-Beschaller, ein Ohrologe. So gesehen, war es auch rührend, wenn seine Tochter Papa zu ihm sagte.

Die gebenedeite Magie der Worte verließ Mudev Skrugel nie. Sie tauchte immer wieder aufs Neue und in anderer Verkleidung auf. Mit anderen Worten, alles war in Ordnung. Vielleicht war es nur nötig zu akzeptieren und so die Magie dieser Worte in eine Form der Mystik zu verwandeln.

Kein Hinab- oder Hinuntersterben.

Neben Mudev Skrugel stand, in einer Plastikwanne auf dem Beifahrersitz und auf einem Kindersessel befestigt, ein Granatapfelbäumchen. Immer wieder berührte er die Erde, um zu sehen, ob das Bäumchen noch feucht genug war oder ob es bereits austrocknete. Jeden Abend blieb es im Auto zurück; es schien ihm nichts auszumachen. Wenn Mudev Skrugel an einer Tankstelle Mineralwasser kaufte, bekam auch das Bäumchen seinen Obulus. Nach einer Weile jedoch konnte er das stille Wasser ohne Kohlensäure, das Skrugel ohnehin nur wegen des Bäumchens kaufte, nicht mehr ausstehen, und so bekam das Bäumchen sehr bald Mineralwasser mit Kohlensäure. In der Erde zischte es dann ein wenig, doch das Granatapfelbäumchen schien das Sprudelwasser gut zu vertragen. Auch hier: Kein Absterben. Alles war – eben auch hier – vollkommen in Ordnung, das Bäumchen, die farblich schwer definierbare Plastikwanne aus den 50er-Jahren, etwas, das einem Rosa wohl noch am nächsten kam, und das sprudelige, blubbernde Wasser, das das Bäumchen auf der Fahrt in Richtung Süden nährte.

Es würde nicht mehr lange dauern und das Granatapfelbäumchen würde in der gemieteten Wohnung ankommen, wo Mudev Skrugels Frau und seine Tochter bereits warteten. Und an irgendeiner anderen Stelle in Europa wurde zum selben Zeitpunkt die restliche Bibliothek von einem Spediteur befördert. Dazu Kochtöpfe, Teller, Besteck und Kunstwerke. Fuchs, du hast die Gans gestohlen: Mudev Skrugel hoffte, daß alles unbeschadet und vollständig ankommen würde, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr.

Skrugel hatte stets einige Flüche und Verwünschungen für solche Fälle im Hinterkopf. Den besten und aufregendsten hatte er in jenem Haus in der Weidener Türlgasse gefunden, das er kurz vor der Abfahrt verkauft hatte. Dort lagen nämlich viele Bände des Almanachs Oberpfälzer Heimat, die er alle durchforschte. Besonders hatte es ihm dabei der kirschrote Band 21 aus dem Jahr 1977 angetan, denn darin fand sich ein kleiner feiner Artikel über das sogenannte Spruchbüchlein von der Rotzenmühle. Die Rotzenmühle stand lange noch als Ruine bei Botzersreuth, etwa 20 Kilometer von Weiden i. d. Oberpfalz entfernt, in der Nähe der Wallfahrtskirche St. Quirin. Es war in derselben Gregend, in der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Waldmensch gelebt hatte, Alfons Treml, dessen Höhlen, wie es hieß, noch nicht allesamt entdeckt worden waren. Ein mögliches Versteck für Skrugel?

Wie dem auch sei, der Fluch, den er in dem Artikel fand und der ihn sehr amüsierte, las sich folgendermaßen: Im Namen Gottes greif ich an. Der Erlöser wolle mir beistehen. Auf die hl. Hilf' Gottes verlaß ich mich von Herzen grausam sehr. Auf die hl. Hilf' Gottes und mein Gewehr verlaß ich mich von Herzen grausam sehr. Gott mit uns allen! Jesus Heil und Segen! Schutz und Beschirmung! Haus und Hof! Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Jesus! Jesus! Jesus! I. M. I. K. I. B. I. P. J. X. N. H. SS vjs i. P. O. uniq. Lit. Dommper vobism

Als Mudev Skrugel sich daran erinnerte, mußte er laut auflachen. Solche Dinge genoß er wie süße Schokoladensauce aus in Milch aufgekochter Milka, satt und ausreichend über in einen Teller geschnittene Bananenscheiben gegossen. Wird diese Nachspeise früh genug zubereitet, hat sie also ein par Stunden Zeit zu stehen und kräftig einzusülzen, entsteht ein überaus eigentümlicher Gaumenschmaus, der beim Hinunterschlucken weit hinten im Hals kitzelt und danach den Magen wohlig und süß-schäumend verklebt. Generationen von Chemikern versuchten immer wieder aufs Neue, Medikamente mit verzögerter Wirkung zu entwickeln, so daß der Patient eine Kapsel schluckte und ein paar Stunden später trat ein Vitamin, ein Wirkstoff, ein Schlafmittel oder irgendein anderer krummer Wicht aus, um vom Magen wie von einem militärischen Brückenkopf aus die Arbeit zu beginnen. Die Bananescheiben in Schokoladensauce taten dies auf weitaus einfachere und natürlichere Weise. Sie kamen einem mehrmals täglich hoch und versüßten den gesamten Körper von innen heraus. Dies alles vollzog sich mit erdenklich einfachen Mitteln und Methoden. Auch die Bestandteile ließen sich – mehr oder weniger – an den Fingern einer Hand abzählen. Viel Milka-Schokolade, eher wenig Milch (damit die Sauce später eindicken kann und nicht flüssig oder wässrig bleibt!) und eine Banane sowie als Utensilien einen Kochtopf, einen Löffel zum Umrühren und ein Messer zum Schneiden der Banane. Kurzum: Wer von dieser Süßspeise aß, war noch lange Zeit von innen heraus in wohligste Schokoladendämpfe eingehüllt. Die von Chemikern so sehr herbeigewünschte verzögerte Langzeitwirkung war damit für den Genießer endgültig sichergestellt.

Vielleicht war es ja schon immer so: Wenn sich eine Idee in den Herzen der Chemiker einnistete, war es bereits zu spät. Irgendeine Süßspeise hatte ihnen längst den Rang abgelaufen. Nichts Neues unter der Sonne.

Als Mudev Skrugel für die Weiterfahrt auf der autoroute péage, also Gebühr bezahlen hätte sollen, bog er ab und nahm die route nationale in Richtung Belfort. Er fuhr durch eine sehr schöne Pappelallee und konnte dabei fast so schnell fahren wie auf der gebührenpflichtigen autoroute. Es war demnach möglich, Belfort nicht nur schnell, sondern auch auf eine schöne Weise zu erreichen. Das hatte einen gewissen Wert. Dieselbe Frage war Muev Skrugel schon vor einigen Jahren in den Kopf gekommen, als er von Paris her kommend mit der Eisenbahn an der Marne entlang durch die Champagne fuhr. Er wußte, daß dort im Ersten Weltkrieg zwei schreckliche Schlachten stattgefunden hatten. Und dennoch war die Gegend auf ihre Weise bezaubernd schön, nahezu idyllisch. Mudev Skrugel hatte seinerzeit erwartet, daß sich die gesamte Gegend auf immer und ewig in reines Grauen verwandelt hätte. Doch das genaue Gegenteil war der Fall. War es als also besser, in einer idyllischen Gegend zu sterben oder war eine abstoßende Landschaft vorzuziehen, da es ja sowieso ans Sterben ging? Skrugel hätte einer schöne Landschaft eindeutig den Vorzug gegeben, vorausgestzt, er hätte überhaupt die Wahl gehabt. Die Pappelallee machte den Weg nach Belfort also schöner.

Er setzte sich ein wenig in seinem Autositz zurück, um eine kleine Kontemplation zu machen, die aus dem Singen eines Wortes, einer aufgeladenen Silbe, bestand, sowie aus der Vorstellung, ein spiritueller Meister oder irgendeine andere religiöse Persönlichkeit sitze neben ihm. Interessant bei der Sache war, daß er gerade während dieser Kontemplation doch recht schnell fahren konnte. Dies gab ihm ein Gefühl von Sicherheit und Abwehr von Gefahr. Ein wenig kam Mudev Skrugel dennoch ins Grübeln, denn wo sollte diese religiöse Persönlichkeit denn sitzen, war doch der Sitz neben ihm nicht leer, sondern bereits von dem Granatapfelbäumchen beansprucht? Skrugel erklärte es sich so, daß diese Persönlichkeit eben eine besonder Perönlichkeit war, ein geistige VIP, so daß sie auf einer etwas anderen Schwingungsrate säße, mit anderen Worten im Bäumchen und doch nicht in ihm. War diese geistige VIP tatsächlich VIP, a very important person, konnte man das von ihr bestimmt erwarten.

In Belfort staunte Mudev Skrugel über die dicken Befestigungsmauern. Es muß eine Zeit gegeben haben, in der diese Mauern die Bewohner wirklich beschützt haben. Weiter hinten in Belfort gab es zunächst viel zu bewundern, vor allem sehr nette kleine Häuschen, doch dann wendete sich das Blatt, denn Skrugel mußte, um Besançon, sein nächstes Etappenziel, zu erreichen, eine Phalanx von Hochhäusern durchfahren. Er erinnerte sich sogleich, daß er hier vor vielen Jahren schon einmal gewesen war. Er hatte seinerzeit in einem supermarché einen Beutel Milch erstanden, der eindeutig anders als in Deutschland schmeckte, fetter, cremiger. Ob es diese fettige französiche Milch jetzt auch noch gab? Oder wurde an allen Orten und zu allen Zeiten nur eine Art EU-Milch verkauft? Na, wenn sie denn wenigstens schön cremig wäre..., räsonnierte Mudev Skrugel.

Mudev Skrugel hatte keine Zeit, solchen Ideen nachzugehen, denn irgendwann wollte er auch ankommen. Wie sollte eine Fahrt Fahrt genannt werden, wenn sie zwar einen Anfangs- , aber keinen Endpunkt hatte?

Hinter Belfort zeigte die Straßenführung einen Anblick der Verwirrung. Der Name Besançon war verschwunden. Stattdessen war Montbéliard aufgetaucht. Ebenso war das Schild route nationale 83 fort. Wie es schien, begann diese route nationale erst in Montbéliard. Doch nach Montbéliard mußte Mudev Skrugel ebenfalls und so schloß er, daß er nicht sonderlich falsch sein konnte. Er näherte sich dem Fluß Doubs. Diesem Fluß würde er eine Weile folgen. Dem Charme der Gegend konnte er sich nicht entziehen. Alte, brüchige, aber doch sehr feste, abgewohnte Häuser. Skrugel liebte derart geheimnisvolles Mauerwerk, und dennoch schien es zusätzlich die Frage des genius loci zu sein. Wo standen diese Häuser? In der Ex-DDR fand sich ebenfalls viel von solchem Mauerwerk, doch dort konnte Mudev Skrugel keinen Charme entdecken, beim besten Willen nicht. Die geheimnisvolle Gegend am Fluß Doubs lag in Frankreich, und la France war eben Frankreich, schlicht und tautologisch, doch immerhin überaus herzerwärmend.

Hinter Belfort waren die deutschen oder deutsch klingenden Ortsnamen des Elsaß und Lothringens endgültig verschwunden. Dies war nun offensichtlich die Burgunder Pforte, der vielbeschworene Eingang ins französische Kernland.

Skrugel fühlte in jedem Dorf den schier überwältigenden Impuls, anzuhalten und Kaffee zu trinken. Nach zehn Dörfern hätte er gewiß die letale Dosis von Koffein erreicht und man hätte seinen Körper begraben müssen: Koffeinvergiftung. Doch der wahre Grund für einen solchen Tod durch die Kaffeetasse wäre die sinistre, verfallene Landschaft entlang der Doubs und die Dörfer dort. Die morsche Faszination des gebendeiten Bröselns am Fluß Doubs. Vielleicht wäre es in seinem solchen Fall angemessen gewesen, Mudev Skrugel dort zu begraben, in dieser obskuren Gegend. Man hätte ihm ein paar Gedichtbände mit in den Sarg geben können: Rimbaud, Baudelaire, Verlaine, Mallarmé... Zwar hatte Rimbaud in Une Saison en Enfer geschrieben Il faut être absolument moderne, doch das war 1873, und seither war schon viel Wasser die Doubs hinuntergeflossen, und auch die Maas, auf französisch Meuse, entlang der Rimbaud 1854 in Charleville geboren wurde. Die Moderne war längst nicht mehr modern. Eines Tages würde ein beherzter Poet eine – moderne – Plastikrose am Grab Rimbauds in Charleville niederlegen und ihm so den veralteten Spruch, man müsse unbedingt modern sein, il faut être absolument moderne, heimzahlen.

Selbstverständlich hatte Mudev Skrugel ein Exemplar von Rimbauds Une Saison en Enfer bei sich im Wagen. Dort war für sehr viele Lebenslagen das richtige Zitat zu finden. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den Text hin und wieder aufzuschlagen und die entsprechende Stelle zu lesen, ganz so wie Anhänger nahezu aller Religionen mit ihren jeweiligen heiligen Büchern umgehen oder wie die Perser eine Seite von Hafis-Gedichten aufschlagen, um eine Antwort zu finden. Er las:

La peau de ma tête se dessèche. Pitié! Seigneur, j'ai peur. J'ai soif, si soif!

In der deutschen Übersetzung seiner zweispracheigen Rimbaud-Ausgabe entdeckte er dafür die Sätze:

Die Haut meines Schädels schrumpft. Erbarmen! Herr, mir bangt. Ich habe Durst, so Durst!

Weiter unten im Absatz dann: Horreur de ma bêtise oder Mir graut vor meiner Dummheit.

Mudev Skrugel war sehr, sehr zufrieden mit diesen Sätzen. Sie waren die cremigste Milch, die er sich vorstellen konnte, in der Milka-Schokoladelangsam dahinschmolz und die Flüssigkeit bräunlich einsülzte. Vielleicht würde er wirklich die gesamte Wegstrecke durchmessen, ohne plötzlich anzuprallen und abzusterben: wahrhaft gebenedeit, um dieses Wort, das ihn seit seiner Kindheit mit seinem Klang verfolgte, ein weiteres Mal zu verwenden.

Gibt es also bei Kaffee eine letale, tödliche Dosis? Oder übergibt man sich, bevor diese Dosis errericht ist?

Hier, in dieser Gegend sollte man – für den Sommer – ein kleines Häuschen haben: So reimte es sich Mudev Skrugel zusammen, während er hinter Montbéliard an der Doubs entlangfuhr. Hier tauchte ein kleines Stück Autobahn auf. Doch sogleich bog Skrugel wieder rechts ab: Besançon par route nationale, sonst war abermals péage zu entrichten.

Noch immer dominierte das Gefühl, vor dem Wintereinbruch davonzufahren. Skrugel spürte deutlich, wie ihn der Winter umzingelte, ein grauenhaftes Szenario wie in den einleitenden Sätzen von Burroughs' Roman Naked Lunch.

Die Worte von Orten, Umständen und Gegebenheiten prallten auf seinen Kopf, und dort fanden sie all die alten Worte vor, die sich seit seiner Kindheit eingenistet hatten, absterben, gebenedeit und noch einige mehr. Was durch und in diesen Worten entstehen könnte, zeigte sich möglicherweise erst in einigen Jahren mit größerer Klarheit. Am besten war möglicherweise eine Art Explosion, also doch so etwas wie ein plötzliches Anprallen, aber von gänzlich anderer Natur als der verletzende oder tötende Anprall des Wagens an ein Hindernis. Es könnten also bestimmte alte Worte zu bestimmten neuen Worten gehören, ein reines und klares Traumsystem.

Der Optimismus nahm nun überhand. Früher oder später mußte es ja so kommen. Das war im Falle des Traums immer so. Man mußte sich nur die möglicherweise in diesem Fall noch vorhandenen Skrupel abtrainieren. Dann hatte der traumwandlerische Optimismus freie Bahn: Keine péage war zu entrichten.

Die somnambule Fahrt hatte einen großen Vorteil. Es schien sich in ihr jeglicher Eindruck, den der Reisende aufnahm, abzusetzen wie in Wasser eingedickte Schlacke, die sich von der leichteren Flüssigkeit trennte und auf dem Boden absetzte. Le länger die Traumwandelei andauerte, desto zäher und fester, desto substanzieller wurde dieser Traumschleim. Keine einzige Sekunde ging jemals verloren, sondern verwandelte sich in hochgradig verdichtete Substanz, die schmierig in der Erinnerung klebte. Die Ränder der Erinnerung waren durch diese Traumsubstanz wie durch einen Leim vor dem Abkippen ins Nichts gesichert. Wer genau hinsehen konnte, der erblickte auf den Dingen der Reise einen feinen schleimigen Traumfilm. Er zog sich über die alltäglichen Gebrauchsgegenstände, den Wagen, über Speisen, Getränke sowie über das Gepäck. Jede Farbe konnte darin schillern, je nachdem, wer hineinsah oder wie der Blick gemeint war. In allen Ecken und Winkeln sammelte sich Traum- und Reisesubstanz an. Es war also lediglich nötig, geduldig zu sein und zu warten, bis die Traumsubstanz alles gründlich verändert hatte. Es galt also, zu überleben, bis man alt genug war, daß die Reise-Eindrücke ein eigenes geschlossenes Universum hervorbrachten. Dann war der Reisende sicher, denn die Substanz hatte ihn über Hals und Kopf zugeschleimt und einen derart wirkungsvollen Schutz errichtet, daß im Grunde keine Reise mehr notwendig war, nur noch die Kultivierung der Traumsubstanz. Dann konnte der Reisende getrost ins Gefängnis gehen, die Substanz würde ausreichen, um ihn über die Runden kommen zu lassen, ohne auch nur ein einziges Mal die Sonne wiederzusehen. Kein laues Nirwana, keine von außen gesponserte Erlösung, nur die Schlacke des Traums, jene zähe Herzsubstanz, die in kürzester Zeit Muster einbrannte.Wer sich in ausreichendem Ausmaß der Kultivierung von Traumsubstanz widmete, der konnte reisen wie ein Agent. Er sah alles und wurde von niemandem gesehen. Wer genug geträumt hatte, der hatte auf glückliche Weise ein Paralleluniversum betreten, nicht, um das allgemeine Universum zu bekämpfen, sondern einzig und allein deswegen, weil ein solches Paralleluniversum Schutz gewährte. Für Eindringlinge war die Traumsubstanz in hohem Maß glitschig, naß und rutschig: Knochenbrüche, und das zurecht! Jeder Blick während der Reise befreite ein bißchen, setzte ein wenig von der gärenden Substanz an und entfremdete von unangenehmen Sichtweisen. Und so wie H²O nichts mit Wasser zu tun hatte, war diese Art von auf der Reise eingefangenem und in somnambuler Schlacke abgesetztem Traum vollkommen getrennt von dem, was die Mediziner und Psychologen, die das Wort Traum verwendeten, damit meinten. Es gab nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen den beiden Phänomenen. Die seltsamen Ideen von Medizinern und Psychologen in dieser Richtung waren einfach lästig. Mudev Skrugel ärgerte sich nicht über diese Ideen, doch hielt er sich, so gut es ging, von solchen Erklärungsschemata fern. Er reiste schnell von ihnen fort, ließ sie zurück. Kilometer um Kilometer legte er zurück, und alles legte sich ab in der Sülze des Traums. Ein wenig ähnelte dies der bayerischen Sülze – der sogenannten Sulz' – , die immer ein wenig trüb schien und bisweilen Fettaugen absetzte, dabei jedoch stets für Überraschungen gut war. Schnitt das Messer in die durch das Abkochen von Knochen und Schweineschwarten Gelee-artig geronnene Sulz' , so tauchte darin Fleisch auf, aber auch Zweibeln und bisweilen gar eine Scheibe Ei oder ein kleines Essiggürkchen. Jeder Koch konnte in jeder Sulz' alles verstecken, was ihm in den Sinn kam. Hin und wieder tauchte ein Stück Paprika oder Tomate in die tiefe Sulz' hinab, um einen netten roten Farbtupfer hinzuzufügen. Schlechte Köche waren wie Mediziner und Psychologen. Sie versteckten das Fett unter der ersten mageren Scheibe Fleisch, so daß es von oben her nicht zu sehen war. Alles erklärbar, wie es hieß, nur durfte man nicht die erste Scheibe Fleisch anheben. Dann war der Überwachungs- und Kontroll-Chip der Krankenkasse aktiviert und die schöne Huld hatte ein End'. Wegen angeblichen Cholesterins war die Sulz' als großer Krankmacher gebrandmarkt.

Nein, es sprach doch wirklich sehr viel für Parallelwelten, Geheimnisse, die unterwegs auftauchten und sich sülzig ins Herz absetzten. Mudev Skrugel liebte Cholesterin.

Gebenedeit unter den Reisenden, dahingeschlittert auf dem Schleim des Traums, auf der glitschigen Spur der Schlacke von Träumen, seien sie nun am Morgen danach aufgeschrieben oder nicht, erinnert oder nicht, hochgeschätzt oder verworfen. Gebenedeit unter den traumwandlerischen Wegelagerern, den Hohepriestern einer geheimen Religion der sachte Entgleitenden, Flüchtenden und sich Versteckenden, der Bewohner von Erdlöchern und unterirdischen Korridoren. Gebenedeit unter denen, die zähe Schlieren des Traums in die durchfahrene Landschaft eingraben, die den Regenbogen verehren, der nach dem Unwetter und im prallen Licht der erneut hereinbrechenden Sonne den Himmel in vielen Farben gleichzeitig verschmiert.

Der nächste Ort, den Mudev Skrugel auf seinem Weg erreichte, lag am Überweg über die Doubs und nannte sich L'Isle-sur-le-Doubs.