1. Kapitel: Absterben
Ein plötzlicher Anprall mag mitunter überraschend sein: Die Toten reisen nach Westen; so sagt man. Lediglich in Indien ziehen die Toten nach Norden, denn nördlich des indischen Subkontinents liegt das mächtige Himalaya-Gebirge, naheliegend also in jeder Hinsicht, für die Lebenden und die Toten.
Plötzlicher Anprall: Die Möglichkeit, bei einem Unfall zu sterben, abzusterben, wie Mudev Skrugel es im Gegrüßet seist du, Maria-Gebet der katholischen Religion gehört hatte, bevor eine der vielen Wellen der Vereinfachungen, ja, nahezu der Banalisierungen, aus der Stunde unseres Absterbens eine Stunde unseres Todes gemacht hatte, etwas zwar durchweg Ähnliches, aber gewiß nicht dasselbe wie eben jene Stunde des Absterbens. Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens: Der plötzliche Anprall läßt absterben; das hat etwas von Ausweichen in eine andere Sphäre an sich, etwas beinahe Tröstliches im Anprall, der den Unfall dennoch Fall werden läßt. Un und Ab, das ist ein wohltuender Schritt, der von den alltäglichen Dingen wegführt, der erleichtert. In seiner Kindheit hat Mudev Skrugel dieses Wort absterben geliebt; es erschien ihm seidig, samtig und wohltuend. Es bereitete ihm große Freude, vom Absterben zu sprechen oder davon zu hören. Er lehnte sich in seinen Kindertagen zurück und horchte den Frauen, den Weibern, wie es damals hieß, beim Beten in der Kirche zu: Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens, amen. Absterben, das las und klang dazu wie die Kurzform eines vermuteten Verbums Hinabsterben. Tief hinab und auf gewisse Weise in Sicherheit; so dachte sich das Mudev Skrugel in seiner Kindheit. Hinab- und Hinuntersterben, hinein und hindurch, eine Verschlüsselung des Geheimnisses: Wovon sprachen sie alle? Die endgültige und unwiderrufliche Frage nach dem Dahinter, nach dem Verborgenen, nach dem Versteck. Ent- und nicht verborgen sollte es sein, so Mudev Skrugel seinerzeit als Kind, und dieses Gefühl war bei ihm geblieben. Als er das Auto in Gang setzte, um in Richtung Westen zu fahren, dachte er sogleich daran, daß er in bestimmter Weise den Weg der Toten gehen würde, den Pfad des Absterbens, des Hinab- und Hinübersterbens, und für einen Augenblick schien es ihm nur logisch, daß diese Fahrt in einem plötzlichen Anprall enden müsse, in der tödlichen Verletzung von Eisen und Fleisch, etwas, das immer wieder den Weg von Mudev Skrugel kreuzte, zuletzt im November 2001, als er einen nächtlichen Zug von Weiden in der Oberpfalz im nordöstlichen Bayern nach Nürnberg wegen eines Selbstmörders auf der Strecke verpaßt hatte. Mudev Skrugel bekam ein Taxi gestellt und so fuhr er hinten im dunklen Taxi-Raum über die Landstraße nach Amberg und danach auf die Autobahn in Richtung Nürnberg, alles auf Kosten der Deutschen Bahn. Irgendwann während dieser Fahrt wollte Mudev Skrugel wissen, warum es denn nicht möglich sei, die Leiche des Selbstmörders etwas abseits der Bahnlinie abzulegen un den Zug weiterfahren zu lassen. Man könne dies doch, so Skrugel, in aller Würde und gebotenen Pietät tun. Der Taxifahrer war um eine Antwort nicht verlegen und wußte, warum das so keinesfalls getan werden konnte. Wahrscheinlich, so seine Auskunft, muß erst no' a wen'g a Fleisch vom Zug ab'kratz't wer'n, also ein bißchen Fleisch von diesem Zug weggekratzt... Ja, der Zug könnte voller Fleisch sein, dachte sich Mudev Skrugel. Er empfand bei diesem Gedanken einen Anprall von Schauer und Ekel, und nicht zuletzt von Furcht vor dem körperlichen Schmerz, eine Furcht, die den Lebensmüden selbst aller Wahrscheinlichkeit nach nicht getrieben hatte. Schließlich hätte er es sich jederzeit anders überlegen können. Aus dem nicht durchgeführten Selbstmord hätte ein etwas düsterer Abendspaziergang werden können, etwas, was der Suizidale ein Leben lang für sich behalten hätte, vorausgesetzt, er hätte noch keine Abschiedsbriefe auf den Postweg gebracht und sich so in jeder Hinsicht in Zugzwang gebracht. Doch auch dieser Zugzwang hätte nicht unbedingt vor oder unter den Zug führen müssen. Der Selbstmörder hätte als freier Mensch von seinem Vorsatz zurücktreten können, stets in der Haltung Na gut, dann war das eben ein Fehler. Macht ihr etwa keine Fehler? Na bitte.
Später überlegte Mudev Skrugel, daß der Selbstmörder kein typisches Beispiel für jenes Absterben gewesen war, denn im Wort Absterben steckt eine Sanftheit, eher ein Aushauchen denn ein Überfahren-werden. Ein Hinaus- und Hinüberhauchen. Ja, ein wenig fürchtete er die weite Strecke in Richtung Westen, doch als erprobter Optimist, Freund und Kupferstecher, glaubte er, der Weg könne auch ohne Absterben überbrückt werden. Er müsse eben, so Mudev Skrugel, vorsichtig fahren. Dann würde es gewiß gutgehen. Ein einfaches Rezept zum Überleben. So war er guter Dinge, als er vom Tisch des Nachbarn, der ihm noch einen guten Kaffee gekocht hatte, aufstand, um in seinen Wagen zu steigen und schließlich loszufahren. Wie sich also seinerzeit das Gegrüßet-seist-du-Maria-Gebet in der Kirche kunstvoll zum spätnachmittäglichem Rosenkranz geflochten hatte, so fanden sich nun alle Stränge zusammen, um die Abfahrt zu ermöglichen. Nun gab es keine Ausrede, keinen Aufschub, keine Verzögerung mehr. Kein einziger der gewohnten Spaziergänge entlang der Pegnitz mehr, zu den Ruinen von Hammer, eines zum Teil noch bewohnten mittelalterlichen Hammerwerks oder zu den Resten der Oberbürg, kein Wurstsalat mehr, kein Schäufele in Malmsbach, allesamt Fluchtorte aus dem mitunter recht häßlichen zentralen Stadtgebiet von Nürnberg. Nun war die Zeit der großen Reise gekommen. Statt durch den Tullnau-Park neben der alten Villa, in der Mudev Skrugel eine Wohnung hatte, zum Zeltner-Schloß, einem Wasserschloß oder zum Biergarten Baggerloch schlicht und einfach mit dem Wagen in Richtung Westen: Zweieinhalbtausend bis dreitausend Kilometer dürften reichen, so sagte sich Mudev Skrugel. Andererseits gab es auch andere Dinge und Gegebenheiten oder schlichtweg Umstände im Nürnberger Osten, dem Ort seiner letzten mitteleuropäischen Behausung, die Skrugel gerne, nur allzu gerne zurückließ. Vor allem war er froh, das gegüberliegende Noriker-Hochhaus nicht länger ansehen zu müssen, und auch nicht eine gewisse Sorte seiner Bewohner. Noriker oder Norikus, wie manche dazu sagten, das war einer jener städtebaulichen Alpträume, die die 70er-Jahre zurückließen. Wer sonst keine Wohnung fand, landete im Noriker. Einige der Bewohner, die Skrugel über den Weg leiefen, erfüllten ihn zutiefst mit Abscheu. Er hielt jedes Mal im Vorbeigehen die Luft an, um deren Odem, deren Hauch nicht einatmen zu müssen. In dieser Hinsicht war Mudev Skrugel durch und durch magisch veranlagt. Kein Kontakt, kein Blickwechsel, keine Berührung, kein Anflug irgendeiner Ähnlichkeit mit solchen Leuten. So hatte er es seinerzeit aus Sir James George Frazers Standartwerk The Golden Bough herausgelesen, beste Sammelwut eines gebildeten Menschen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ein grundlegendes 12-bändiges Opus aus dem viktorianischen Zeitalter, eine Studie über Magie und Religion. In den Jahren, bevor Mudev Skrugel in die herrliche Villa in der Nürnebrger Ostendstraße zog, hatte er immer wieder gelesen, wie sich Menschen vom Noriker aus in den Tod stürzten, doch als er dann gegenüber wohnte, hörte diese seltsame Serie von Todesstürzen auf. Wie oft war er voller Neugierde hinausgerannt, wenn das blaue Leuchten des Polizeiwagens oder der Feuerwehr zu sehen war, doch immer war es nur die Festnahme irgendeiner bescheuerten Type oder ein ausgebranntes Fenster, pyromanisches Relikt von Dummheit und Dreistigkeit.
Trotzdem: Die Villa, deren Keller noch auf das Jahr 1907 zurückging, und das eigentliche Bauwerk, das aus der Mitte der 50er-Jahre stammte, da 1943 Brandbomben der eigentlichen Villa ein Ende gesetzt hatten, war ihm kurzzeitig Heimat gewesen, bis zu einem gewissen Grad gar Rückzugsgebiet. Ringsum lagen 2000 m² Garten und dahinter ein weiteres 2000 m² großes wildes Land.
All dies galt es nun unwiderruflich zu verlassen.
Es schien Mudev Skrugel ein Leben der Worte zu sein, Worte der Kindheit, wie das Absterben, aber auch seltsame klangliche Zusammenstellungen im Leben, eben Worte, die ihn verfolgten, und die er nicht loswurde, die sich in seinen Kopf einbrannten und die er beständig vor sich hermurmeln mußte, da sie ihn nicht losließen, nicht freigaben. War jede Veränderung, jede Reise, nichts anderes als ein Weg von Worten weg, hin zu Worten, vom Absterben zum Tullnau-Park und zum Noriker? War es mit den Worten vielleicht so wie mit den Mantras vor allem der indischen religiösen Meister, daß man sie also beständig im Kopf hin und herwiegen mußte, um eine Veränderung im Bewußtsein zu erreichen?
Also: Om Absterben, Absterben, shanti, shanti Tullnau Tullnau Guru-Guruji?
Fort ging es von den Schönheiten des Gartens um die Villa herum, von den verwilderten und teilweise vermoosten Grasflächen, die im Herbst an der einen oder anderen Stelle klassische Waldpilze, wie Butterpilz, Maronenröhrling, Semmel- und Samtpilz hervorbrachten. Fort auch von den Vögeln, die sich dort herumtrieben, Bunt- und Grünspechte, die den Regen ankündigten, Elstern, Meisen, Eichelhäher, Amseln und Krähen. Fort von Rosmarin, wildem Oregano, Zitronenmelisse, Ysop, Tripmadame und Estragon. Fort auch von den beiden Sorten Erdbeeren, die sich über den Garten verteilt hatten, den wilden angeflogenen Walderdbeeren und der größeren gepflanzten Variante, die ein Vorgänger angesät hatte, und die sich Jahr um Jahr durchgeschlagen hatten, um jedes Jahr wenigstens eine Handvoll Früchte vorzuzeigen oder gleich anzubieten. Auch die Rosen blieben zurück, ihre Farben, ihre Dornen, ihre machtvollen Stengel, und auch die reizvollen Ruinen der Rosenstöcke, die im Winter erfroren waren, Tote, schöne Tote.
Wenn es sich Mudev Skrugel jedoch genau besah, stimmte diese Rechnung so nicht, wurde vielmehr zur vielbeschworenen Milchmädchenrechnung, denn das verwilderte Paradies blieb nicht zurück, existierte nicht einfach ohne Mudev Skrugel weiter, so wie es zuvor mit ihm existiert hatte. Es ging zu einem guten Teil mit ihm unter, verschwand mit ihm, denn längst war in einer der anderen Wohnungen eine Gärtnerin eingezogen, die ohne auch nur ein einziges Mal zurückzufragen, den gesamten Garten nach ihrem Geschmack ordnete und ihn voll mit neckischen Dingen stellte. Mal war der Wildwuchs verschwunden, dann tauchte wieder eine vermutlich sozialpädaogisch motivierte Metallkugel auf und zuletzt war Mudev Skrugels Parkplatz durch einen – offensichtlich biologisch-ökologisch hochwertigen – Haufen Dreck versperrt.
Doch Mudev Skrugel ließ all dies einfach geschehen. Gewiß, er hatte seine eigene Meinung in dieser Angelegenheit, doch was waren Meinungen wert? Sicherlich ließen sich Meinungen in jedem Bazar der Welt für einen Pfennig das Stück verkaufen oder gleich als kostenlose Beigabe verteilen, in eben jener Weise, wie jede spanische Fruteria dem Einkauf von Gemüse ein Büschel Petersilie beigibt, ohne irgendeine Gegenleistung in der Form von Geld zu erwarten.
Die Dinge, die bleiben, bleiben also nicht, dachte sich Mudev Skrugel, sondern gehen mit den Menschen fort, wenngleich in einer verfeinerten Form, als Substanz, als Ferment, als jener Seelenschleim, auf dem die in dieser Welt lebende Seele durch unsere physische Ebene gleitet wie das saftige Fleisch auf dem Öl in der Pfanne. Die Erinnerung an die Dinge veränderte die Dinge. Im täglich neuen Rahmen wandeln sich diese vergangenen Dinge selbst, und so gesehen gibt es keine Vergangenheit. Geschichtsfälschung ist also mitunter keine Fälschung, sondern schöpferisches Geschichten-Erzählen und durchaus nicht zu verachten. Das hatte sich Skrugel in ruhigen Abendstunden im Zwielicht der Dämmerung ausgemalt und auf angenehme Art und Weise zusammengereimt.
Vor der Abfahrt galt es Absterbe-Rituale zu zelebrieren. Der Blick in das Innere des Wagens mit dem Kopf unter der Motorhaube war Mudev Skrugel nicht vergönnt, denn er wußte nicht, wie sich die Motorhaube öffnen ließ. Reifendruck: Ja, der Reifendruck. Jeder, der eine längere Strecke fuhr und sich zur Gänze als Autofahrer darstellte, schwadronierte etwas vom Reifendruck. Irgendetwas mußte Skrugel also auch vom Reifendruck daherreden. Wieder ein solches Wort: der Reifendruck. Wenn man dreißigmal hintereinander Reifendruck sagte, entstand eine hoch kondensierte Form der Absurdität, verbunden mit traumwandlerischer Schönheit.
So kann man doch nicht leben!
hieß es stets und von allen Seiten, doch Mudev Skrugel lebte schon immer so: Er war zum Zeitpunkt seiner Abfahrt 42 Jahre alt. Sollte er einen Unfall haben und plötzlich hier oder dort anprallen, wäre es seine letzte Fahrt auf der Route 42. Für den allerdings wahrscheinlicheren Fall, daß er keinen Unfall haben würde, würde er nächstes Jahr an einer landschaftlich überaus schön gelegenen Straßenkreuzung in die Route 43 abbiegen.Warum also wollte Mudev Skrugel die lange Fahrt in Richtung Westen, vielmehr Süd-Westen, auf sich nehmen? Die Antwort war simpel. Er wollte weiter westlich, weiter südlich leben, schon allein wegen des erheblich besseren Wetters und der geringeren Sterilität der Städte. Er hatte es schon seit Jahren so gewollt, doch in all den Jahren nicht so gekonnt. Erst jetzt gruppierte sich das Geld zum Traum hinzu und die Möglichkeit, westlich oder südwestlich zu leben, präsentierte sich in besserem Gewand. Der Faktor, der die Lösung brachte, war letztlich nur das Abwarten, die Tugend des Jägers und Sammlers vor der Neolitischen Revolution vor ungefähr 9000 Jahren, das Warten, bis sich das Tier auf der Lichtung zeigte und danach die schnelle Kunst von Pfeil und Bogen, Speer oder der beherzte Sprung nach vorne. Oder den Feind umgehen und sich ihm nicht zeigen, bis seine Leiche im Fluß vorbeitreibt. Seltsame Worte murmeln, fest in dem Glauben, diese Worte seien nun draußen und begännen zu wirken, zu gären, Säfte abzusondern und Korrosionen in der Wiklichkeit hervorzubringen, traumhafte Roststellen im Fundament der Realität: Abwarten und im rechten Augenblick zuschlagen. Dies könnte nach 9000 Jahren eine regelrechte Renaissance des Jägers und Sammlers herbeiführen. Benötigt würde lediglich ein langer Atem und ein dickes Fell, sowie eine gewisse Taubheit gegen jede Form der Kritik von Seiten anderer Menschen. Der geistige Elefant in seiner reinsten Form.
Vor der Übergabe der Wohnung im Nürnberger Stadtteil Tullnau hatte Skrugels Vermieterin den Zustand des Back- , Koch- und Heizofens beanstandet und dabei in Anspielung auf seinen Doktortitel zu Mudev Skrugel gesagt Na, der Geist ist eben nicht alles!, doch ohne den Geist ließ sich eben gar nichts machen, dachte Mudev Skrugel bei sich. Was also sollte er tun? Schließlich stand der Tag der Abfahrt fest, und die Wohnung samt Back- , Koch- und Heizofen mußte abgenommen werden, damit er gehen konnte. Er mochte das Vermieter-Pärchen, zwei freundliche, ältere, humorvolle Menschen mit hoher Bildung und feinem Geist. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine Form von geistiger, losgelöster Zuneigung, die er für die beiden empfand. So kaufte er sich also verschiedentliche Putzutensilien und schrubbte den Ofen, so gut er konnte. Für den Tag der Übergabe jedoch behielt er einen gelben 200-Euro-Schein in Reichweite, um den Vorschlag einer professionellen Reinigung machen zu können und noch am selben Tag abfahren zu können, ohne allzu viele Erklärungen. In einem einzigen schnellen Augenblick: In ictu oculi.
Auf der Stahlwolle, die er verwendete, fand er ein weiteres Mal Wortkolonnen, die eigentümlich zu ihm sprachen. Es klang wie ein Gedicht:
Vileda
Inox Spirale
Scheuerspiralen
Spiral Scourer
Inox Spirale
Inox Schuursponsje
Spirali
Spiral
Estropajos de acero
Die Übergabe der Wohnung gestaltete sich gewohnt herzlich und Mudev Skrugel machte schließlich den Abschiedsbesuch bei seinem Nachbarn. Er wußte, daß er ihn und dessen oft bei ihm zu Besuch weilenden Lebensgefährtin wirklich vermissen würde. Im Sommer, wenn alle Fenster geöffnet waren, liebte er es, wenn der milde Wind ihre leisen, lachenden Stimmen zu ihm herübertrug, von den Würfelspielen auf dem Balkon berichtete oder wenn Richard Wagner zu hören war, wobei ihn Lohengrin-Ausschnitte besonders entzückten. Dieses Lachen, Würfeln und den Wagner, zusammen mit der gelassenen, ruhigen Art seiner – sozusagen – beiden Nachbarn würde Mudev Skrugel in der Tat schmerzlich vermissen. Das war ihm nicht erst seit dem Zeitpunkt seiner Abfahrt bewußt. Und so trank er gleich drei Tassen Kaffee zum Abschied, um noch möglichst viel von diesem Treffen mitzunehmen. Neben der Qualität hatte Mudev Skrugel stets auch die Quantität zu schätzen gewußt. Je mehr, desto besser.
Je mehr, desto besser: Nach diesem Grundsatz verfuhr Mudev Skrugel auch bei seinen letzten Mahlzeiten, die er auswärts einnehmen mußte, da die Küche bereits abgebaut war und er somit jeglicher Möglichkeit der Ausübung gehobener Kochkunst beraubt war. Zwei Abendessen waren zu organisieren. Das stellte ihn vor eine große Aufgabe, denn in Nürnberg gab es genug der guten Essenslokale. In welche Richtung sollte er sich wenden? Fränkisch? Chinesisch? Indisch? Oder was sonst?
Es ist klug, zu gehen, bevor der Schnee fällt. Und es ist klüger, gut zu essen, bevor der Schnee fällt.
Er löste die Aufgabe so: Das erste Mahl nahm er in der Gaststätte Zur schönen Aussicht, einem griechischen Lokal im Nürnberger Stadtteil Mögeldorf ein, zum einen, weil er wußte, daß es dort nicht nur gutes Essen gab, sondern man zudem noch freundlich bedient wurde, und zum anderen, weil er diesen Stadtteil mochte. Am nächsten Tag erinnerte er sich daran, wie er etwa ein Jahr zuvor ohne ersichtlichen Grund die unerklärlichen Worte Fuli-hua im Kopf gehabt hatte. Nach langem Überlegen und sorgsamer Kontemplation eines weiteren Beispiels von Worten, die einen an jeder Staßenecke und ohne Vorwarnung überfallen können (Fuli-hua! Fuli-hua! Fuli-hua!) verstand Skrugel in einem plötzlichen Anprall von Erinnerung, daß es sich hierbei um den Namen eines chinesischen Restaurants in der Nähe des Bahnhofs handelte, das vor kurzem einen Kochwettbewerb gewonnen hatte. Mudev Skrugel war jahrelang in der Linie 5 am Fuli-hua vorbeigefahren und dieses Wort hatte sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt. Wenn also seine Aufmerksamkeit nicht von der Gefahr abgelenkt worden war, die von einigen der Bewohner des Noriker-Hochhauses in dieser Straßenbahnlinie 5, besonders von einer rothaarigen schmutzigen Verrückten, die täglich mehrmals in der Bahn herumschrie, sie sei betrogen worden, ausging, fiel sein Blick immer auf dieses Wort: Fuli-hua.
Das zweite Mahl nahm er also zur gänzlichen Zufriedenheit im Fuli-hua ein.
Schließlich kam unwiderruflich der Zeitpunkt der Abfahrt. Mudev Skrugel lenkte den Wagen aus der Einfahrt deraus; das Tor mußte er nicht mehr schließen, das besorgte sein Nachbar für ihn. Er stand nun in der Ostendstraße, fuhr zunächst der allgemeinen Fahrtrichtung widersprechend ostwärts, holte aus einer Bäckerei in Laufamholz, dem letzten Statdtteil Nürnbergs in dieser Richtung, einige Brotteilchen mit diversen Beigaben, Aufstrichen oder Beimischungen, und bog danach in die Autobahn ab.
Rund um Nürnberg lag ein Würgering aus Autobahnen, durch die der stets dichte Verkehr zäh floß. Skrugel wußte nicht, ob es daran lag, daß er mit sich selbst zu sprechen begann, doch andererseits: Konnte Mudev Skrugel einen besseren Gesprächspartner finden als selbigen Mudev Skrugel?
Wohl kaum.
Skrugel stellte keine dummen Nachfragen an Skrugel, vertrat keine irrwitzigen, abseitigen Meinungen und vor allem fiel Skrugel nicht Skrugel ins Wort, sagte ordentlich Bitte und Danke und blieb stets höflich und zurückhaltend, in einem einzigen Wort ausgedrückt: kultiviert. Skrugel schätzte Skrugel, verstand alles sofort auf Anhieb, hatte seine Freude an all den Skrugeleien und zitierte seinen Gesprächspartner nach Herzenslust und bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Würde also jeder eher mit sich selbst reden und die anderen mehr in Ruhe lassen, dann wäre für alle gesorgt und zugleich ein angenehmes kulturelles Niveau sichergestellt, etwas, worauf man stolz sein konnte. Keine bösen Briefe, keine blödsinnigen Telephonate und keine hinterlistigen Kommentare. Sehr angenehm auch in dieser Angelegenheit: Wenn Skrugel über ein Thema sprach, schlug Skrugel nicht anstatt zuzuhören einfach ein anderes Thema an. Niemand mußte absterben. Niemand klopfte als Heimwerker besinnungslos im Treppenhaus, auf Rohrleitungen oder auf sinistren Dachböden herum oder schrie Worte wie hochkant, verkanten, ex und hopp, Mahlzeit!, Jetzt müssen wir wieder ran! oder ähnliches durch die ansonsten im Grunde anheimelnde Gegend, während Mudev Skrugel mit Mudev Skrugel eine gepflegte Konversation hielt und blitzgescheit parlierte. Ein runde Sache. Niemand hat absterben müssen. Niemand muß absterben.
So gab es auch keine Langeweile, Herumhängerei und Eckensteherei, denn Mudev Skrugel redete beständig.
Mudev Skrugel redete. Und Mudev Skrugel auch.
Der Weg nach Westen gestaltete sich zunächst recht ereignislos. Innerhalb Bayerns tauchte nur noch eine einzige Raststelle mit Namen Frankenhöhe auf. Danach verkündete ein Schild die Ankunft in Baden-Württemberg. Bei Sinsheim versuchte sich ein Stau in etwa derselben Weise zu manifestieren, in der sich im Hinduismus Vishnu immer wieder verkörperte, um den darniederliegenden Dharma, den verlorengegangene rechten Weg wieder aufzurichten. Doch wie es schien, war der Stau nicht der rechte Weg zur rechten Zeit, und so löste sich der Spuk nach kurzer Zeit wieder auf, ohne allzu viel Spuren zu hinterlasen, außer in der Erinnerung des einen oder anderen Fahrers. Gab es eine Gottheit der Autowege?
Ein grundlegendes Dilemma des Fahrens stellt das Vorbeifahren dar, denn wenn das Fahren nicht gleichzeitig ein Vorbeifahtren, ein Links-liegen-lassen bedeutet, kommt gerade dieses Fahren an ein Ende, an ein Parken und dann fährt überhaupt nichts mehr. Vorbei also führte dieses Fahren an allem, was schön anzusehen wäre, etwa das Heidelberger Schloß, die Moschee im Schwetzinger Schloßpark oder die nur mit einem Buchstaben und einer Zahl benannten Straßen in den Quadraten von Mannheim. Das Nicht-Sehen erscheint als das eigentliche Sehen. Mudev Skrugel war zu allem bereit. Je eigentümlicher, desto besser. Schon in seiner Kindheit, die er in der Oberpfälzer Kleinstadt Weiden verbracht hatte, verfolgte er mit überbordendem Interesse jegliches Phänomen, das in eine Welt der Weite und der Freiheit zeigte. Möglichkeiten über Möglichkeiten! Seinerzeit diskutierte man dort viel über eine katholische Heilige, die Konnersreuther Resl. Den einen war sie schlichtweg eine große Mystikerin, den anderen eine bäurische Betrügerin. Mudev Skrugel begeisterte sich für die Konnersreuther Resl, denn sie aß nichts, lebte sozusagen von Luft und Liebe, ganz wie ein echter Künstler. Darüber hinaus war sie stigmatisiert und jeden Karfreitag schoß Blut aus ihren Augen und überhaupt von überallher aus ihr heraus. Sie durchlebte bizarre Visionen. Alles Dinge, die nicht gerade in der Schule gefördert und von einer zusammengewürfelten Hetzmeute aus Psychiatern und anderen Spezialisten abgelehnt wurden. Otto Normal-Verbraucher konnte eben kein Blut aus den Augen spritzen lassen und der Berufsausbildung galten Visionen nicht als förderlich. Da war eher die Rede von Bombenjobs und von einem Schweinegeld, das es zu verdienen galt, und später dann von Spaß, Fernsehen, sozialer Gerechtigkeit und interaktiver Multimedialität. Da war Mudev Skrugel die Konnersreuther Resl lieber: kein tyrannischer Spaß. Nichts Multimediales. Keine Sozial-Mottenkiste. Nein, lieber sollte das Blut aus den Augen spritzen und sich die Visionen bis zur Ekstase steigern. So etwas hatte Bestand. Mudev Skrugel fuhr in gewisser Weise daran vorbei und nahm es dadurch nahezu in Reinform mit. Die Resl ließ das Einzigartige aufleuchten. Im Vorbeifahren spritzte ihn das mystische Blut an, denn die Resl war gestorben, kurz bevor Skrugel auf die Welt kam. Es hätte nicht besser kommen können.
Es lebe der blutige Traum und die wahnhafte Vision! Der Rest ist völlig egal!
murmelte Mudev Skrugel und fuhr am Heidelberger Schloß, an der Schwetzinger Schloßpark-Moschee und an Mannheim vorbei. Sollte er plötzlich anprallen und absterben, wäre dies vollkommen gleichgültig, denn auch nach dem Tod, am Leben vorbeigefahren, würde der Traum weitergehen, dessen war sich Mudev Skrugel gewiß. Sein Testament würde er in Gedichtform als Blut aus den Augen heraus auf teuerstes Pergament spritzen und sich dabei nach allen Regeln der Kunst den metaphysischen Dandy heraushängen lassen.Jegliche Fahrt in andere Welten meinte Freiheit; die Toten reisten nach Westen, Mudev Skrugel auch.
Der Beichtvater der Konnersreuther Resl, Joseph Naber, berichtete von metaphysischem Dandytum aus dem Jahre 1928: 12. April. Heute schaut Theres den in der Epistel der Messe berichteten Vorgang mit dem Kämmerer der Königin von Äthiopien. Oder: 6. Mai. Am Abend sieht Theres, wie Johannes, der Apostel, schon alt, in ein Faß siedenden Öls geworfen wird, aber unversehrt und besser aussehend als zuvor aus demselben wieder herausschwebt. Den Richter hört sie reden, "wie in der Kirche gesprochen wird", Johannes aber spricht griechisch.
Mudev Skrugel liebte solche Geschichten aus allen Religionen, alle Himmelfahrten und Höllenstürze, Levitationen, Bilokationen und alles, was gemeinhin als unerklärlich, ja, nahezu als empörend gilt, Shiva, der mit Asche beschmiert über Friedhöfe schleicht, seinem Sohn Ganesha den Kopf abreißt und ihm stattdessen einen Elephantenkopf aufsetzt, übermäßig kaffeetrinkende Derwische oder Schamanen im Himalaya, die in der Trance "hinduistische Feen aus der Türkei" erblicken, plötzliche erscheinende Heilige oder Mystiker, alles zu sehen ohne künstliche Mittel, nur durch das Schließen der Augen, im Wortsinn in einem Augenblick: ein weiteres Mal in ictu oculi.
Seine Augen durfte Skrugel im Vorbeifahren nicht schließen, denn sonst fuhr er nicht mehr vorbei, sondern mitten hinein. Das wäre in der Tat ein Fehler gewesen. So billig durfte die ganze Geschichte nicht ablaufen, denn sonst hatte er umsonst die bisherigen 42 Lebensjahre durchlaufen, wäre umsonst in einem labyrinthischen Haus aus dem 16. Jahrhundert in der Weidener Türlgasse aufgewachsen, hätte umsonst die Geister des Türlgassen-Hauses erkundet, den Geist mit der braunen Robe, der ihm einmal, kurz nachdem er in den 70er-Jahren in seinem Kinderzimmer eine LP auf den Plattenteller gelegt hatte, erschienen war, den Geist, der den Gong schlug, die wispernden Geister sowie jene, die in Scharen auf den Sesseln des Wohnzimmers saßen, und die nur wahrzunehmen waren, wenn man sie nicht direkt anblickte, sondern seitlich, aus den Augenwinkeln heraus. All dies wäre umsonst gewesen, wäre Muev Skrugel zu früh angeprallt und abgestorben.
Umsonst all die Geschichten über mysteriöse Todesfälle in dem Haus, die damals seine Phantasie erregt und ihn bestens für das Leben, für alles, was da noch kommen mochte, präpariert hatten, der versuchte Selbstmord im Dachstuhl vor vielleicht 100 Jahren, lange vor dem Umbau, der dem Haus ein weiteres Stockwerk aufsetzte, der Todessturz des Großvaters auf der Treppe sowie dessen Prophezeiung an die um 30 Jahre jüngere Frau, er werde sie bald nachholen. Umsonst wäre die Bestürzung aller gewesen, als die Prophezeiung nur wenige Monate darauf in Erfüllung ging, als die Großmutter beim Wäschewaschen in den siedenden Wasserkessel stürzte und starb. Umsonst, daß diese Geschichten Mudev Skrugel, der damals noch gar nicht auf der Welt war, immer wieder aufs neue erzählt wurden, so daß er die deutliche Empfindung entwickelte, er sei damals dennoch dabeigewesen. Auf die kindliche Nachfrage, wo er denn vor seiner Geburt gewesen sei, hatte man Mudev Skrugel geantwortet: In Abrahams Wurstkessel.
Und dort mischten sich – wie es schien – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bis die Worte der Vergangenheit zur Gegenwart wurden und Mudev Skrugel meinte, dabeigewesen zu sein. Dabei entzündete sich seine Vorstellungskraft an diesen und ähnlichen Geschichten, daß ihn die Worte nie wieder verlasen würden. Warum sich gerade die schlimmen Geschichten so einprägten, fragte er sich seither. Doch so war das eben. Vielleicht konnte es gar nicht anders sein.
Seinerzeit hatte eine der Lokalzeitungen in Weiden berichtet:
Einen schrecklichen Tod fand die 50jährige Friseurmeisterswitwe aus der Türlgasse am Montagmorgen. Als die Tochter mittags von ihrer Arbeitsstelle nach Hause kam, bot sich ihr ein entsetzliches Bild! Ihre Mutter hing mit dem halben Körper im Waschkessel. Sie war beim Wäschekochen in den Kessel geraten und hatte dabei so schwere Verletzungen erlitten, daß der Tod bereits eingetreten war. Wie das Unglück genau geschah, muß noch festgestellt werden.
Und kurz darauf:
Der schreckliche Unfall, der am Montagmorgen zum Tod der 50jährigen Friseurmeisterswitwe führte, ist noch immer im Gespräch. Wie die Kriminalpolizei feststellte, handelt es sich dabei einwandfrei um einen Unglücksfall. Man vermutet, daß sich die Frau beim Wäschewaschen weit über den Waschksesel beugte. Beim Umrühren der Wäsche mit einem Stock muß sie mit diesem jedoch an der Wand des Waschkessels abgerutscht sein, wodurch die Frau das Gleichgewicht verlor und mit dem Oberkörper in die kochende Lauge stürzte. Der schreckliche Unfall wurde erst gegen Mitag bemerkt, als die Tochter zum Essen kam, aber eine kalte Küche vorfand. Ihre sofortige Suche nach der Mutter führte dann zu der schrecklichen Entdeckung.
Die andere der beiden örtlichen Zeitungen berichtete:
Am gestrigen Montag verstarb die 50jährige Friseurmeisterswitwe durch einen tragischen Unfall. Die Frau beugte sich beim Waschen über den Waschkessel mit kochendem Inhalt und stürzte in das siedendheiße Wasser. Sie verbrühte sich den Kopf und den ganzen Oberkörper und verstarb. Die Möglichkeit, daß sie erst nach einem Herzschlag in den kochenden Kessel stürzte, ist nicht auszuschließen.
Immer wieder war Mudev Skrugel an Worten und Geschichten hängengeblieben. Wie geistige Geschwüre wucherten sie fort und entzündeten Kopf, Herz, Mund, Hand und Fuß. Vielleicht hatte jeder Mensch in einem Leben einmal wirklich Glück; vielleicht waren all diese Worte Mudev Skrugels Lebensglück. Möglicherweise waren es nur diese Worte und keine anderen, die ihn letztendlich die weite Umzugsstrecke in Richtung Südwesten forttrugen und ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht absterben ließen.
Als er nach dem Tod der Eltern das Haus aus dem 16. Jahrhundert nach wichtigen Unterlagen sichtete, fand er seltsame Worte auf Zetteln. Da stand zum Beispiel auf einem dieser Zettel geschrieben Flarom Tomatensaft / Gemüse-Cocktail Kokos-Öl Kalbfleisch / Fisch Preißelbeeren / 2.24. Sa / Abl. / Hermes Multi-Vitamin-Orangentrunk / brauner Zucker – Teeladen / 3 Kräuterbücher v. Sri Paul Twitchell. Ein anderer Zettel, mehrfach zusammengelegt und im letzten Winkel eines klebrigen Geldbeutels versteckt, besagte: Dulden – Beten. Du bist alt genug, um zu wissen, was Du tust. Wir sind nicht einverstanden. Wir wollen aber auch nicht, daß Du uns später Vorhaltungen machst. Und in einem leeren Tütchen Magnesium Verla Konzentrat, das nach all den Jahrzehnten in dem alten Schrank seinen durch und durch typischen Geruch behalten hatte, stand unter anderem: Fr. Blödt. Eduscho. 8 Uhr 15 gehen wegen "Essen u. Trinken", Heft Okt. 80 / Sa., 30. 3. 81, 11 Uhr 32. Knall wie das Platzen eines Reifens.
Was, wenn ein Reifen platzte auf der langen Fahrt?
Doch andererseits: Warum sollte er platzen? Warum?
Vielleicht bedeuten Worte eine subtile, doch sehr wirkungsvolle Form von Rettung. Was bedeutete es dann, daß Mudev Skrugel in einen anderen Sprachraum zog, in dem vielleicht nicht völlig andere, aber doch sehr unterschiedliche Worte, eben eine andere Sprache gesprochen wurde?
Das Radiogerät im Wagen erzählte Mudev Skrugel abscheuliche Meldungen von einem Wintereinbruch. Und in der Tat. Skrugel fuhr in jenem Augenblick exakt in Richtung Westen Die Heidelberger Gegend ließ er rechts liegen. Zu dieser späten Nachmittagsstunde bewegte er sich also genau nach Westen, und damit mitten in den Sonnenuntergang hinein, während der Rückspiegel ein uneträgliches Anschwellen von Schwärze anzeigte. War das der vielbeschworene Wintereinbruch? Entfloh Mudev Skrugel um Haaresbreite der schlimmen Jahreszeit? Hatte er es – wie bereits des öfteren in seinem Leben – wieder einmal gerade noch hingekriegt? Oder würde ihn die Schwärze doch noch einholen? Schließlich mußte er das Auto für die Nacht abstellen, denn er hatte sein gesamtes persönliches Archiv dabei, seine Manuscripte, Photos sowie all jene Bücher, die er nicht so leicht würde wiederbekommen können, gingen sie verloren. Eines, so wurde ihm berichtet, werde derzeit in den USA bereits für $ 500 gehandelt (Mudev Skrugel hatte Anfang der 90er-Jahre ganze 11 D-Mark dafür aufgewendet und war dafür mit einem geliehenen Fahrrad in der Sommerhitze etwa 30 Kilometer gefahren, wobei er eine Eineinhalb-Liter-Flasche Coca Cola auf einen Zug leeren mußte). All dies hatte er im Wagen verstaut, und so mußte er ein Hotel finden, das einen gut abschließbaren Parkplatz vorweisen konnte, eine Tiefgarage oder wenigstens einen Zaun, der der sich als Schutz um das vollgepackte Auto legte. Und auch ansonsten dufte er nicht sparen. Er wollte gut und genüßlich schlafen, um sich selbst, aber auch das Archiv, die Manuscripte, die Photos und die Bücher sicher an den Zielort zu bringen. Das bedeutete viele Stunden Stillstand, und so könnte es dem Wintereinbruch, diesem Feind schlechthin, doch noch gelingen, ihn einzuholen. Andererseits sprach dagegen, daß Skrugel in Richtung Südwesten fuhr, also sich einer besseren Klimazone näherte. Doch wo verlief die Klimagrenze? Sicher konnte man sich nie sein, denn mehr als einmal waren schon Nachrichtenbilder um die Welt gegangen, die schneebedeckte Palmen zeigten.
Im Raum Mannheim verpaßte er die Abfahrt nach Karlsruhe, die er hätte nehmen müssen, um danach sich dann direkt weiter nach Strasbourg zu wenden. Doch Mudev Skrugel akzeptierte den Fehler und fuhr weiter in Richtung Saarbrücken, um dahinter nach Frankreich hinein abzubiegen, und auf diese Weise über einen Umweg nach Strasbourg zu gelangen. Inzwischen war es dunkel geworden.
Wenn ihn seine geographischen Kenntnisse nicht vollständig im Stich ließen, befand er sich nun in Lothringen und damit in Frankreich. Er steuerte also eine Raststelle an und kaufte zwei Baguettes, um den aufkeimenden Hunger gleich im Ansatz zu ersticken. Dabei ging er jedoch nicht schnurstracks zum Kühlfach, um die zwei Baguettes heruszufischen und zu zahlen, sondern er trieb sich eine Weile in dem Laden der Raststelle herum und gab vor, auf der Suche nach etwas zu sein, das sich nicht so einfach finden ließ, nur um die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen und dabei ein wenig der französichen Sprache lauschen zu können. Mudev Skrugel liebte den Klang des Französischen. Schließlich berichtete er beim Zahlen, daß sein Auto Diesel-Kraftstoff benötige, und daß er leider nicht wisse, was Diesel auf Französisch heiße. Ob ihm die gute Frau da behilflich sein könne? Er genoß es, aus ihrem Mund und in dieser sanft singenden Sprache die folgenden Worte dahingehaucht zu hören: Gazole, monsieur!
Schließlich ging Mudev Skrugel zum Wagen zurück, um die Baguettes zu verzehren. Es kam ihm in den Sinn, daß er von Worten zu Worten hetzte, und wie passend es doch war, ein Archiv, Bücher und Manuscripte – Worte eben – quer durch Europa zu fahren. Wie oben, so auch unten, hatten diverse Mystiker aus allen erdenklichen Religionen behauptet und damit ein treffliches Bonmot geprägt.
Das Haus aus dem 16. Jahrhundeert hatte er verkauft, bevor er losfuhr. Er tat dies, obwohl er es liebte, seinen Verfall, seinen Staub, seine labyrinthische Welt, und er hoffte, eines Tages wieder ein solches Haus zu besitzen, doch es stand einfach in der falschen Stadt, einer Stadt, die er 20 Jahre zuvor verlassen hatte, um nicht wiederzukehren. Umso mehr beglückte es ihn, daß einige der dort eingelagerten Dinge, die er bei sich hatte, den Geruch des Hauses in den Wagen hinein verströmten. Es überwältigte ihn die beglückende Vision eines gleichmäßig verteileten weißen Staubs, der sich noch aus Bestandteilen der Kohleverfeuerung zusammensetzte, die bis zum Winter 1995 / 96 in diesem Haus betrieben worden war. Dazu gesellte sich der übliche bekannte Hausstaub, und diese Mischung bedeckte die Gegenstände mit trockenem Glück. Dabei war es wichtig, die Staubdecke nicht zu verletzen, nicht an einigen Stellen fortzuwischen. Ein wenig Glücks- und Verfalls-Staub verbreitete sich nun im Wagen und entzündete reiche, wohltätige Bilder: Ob in dem Kessel, der bald nach dem Tod der Friseurmeisterswitwe wie in Abwehr mit mehreren Schichten Krimskrams zugestellt worden war, noch trockene Leichenteilchen verborgen lagen? Das klang grausam; und dennoch lag in all diesen Dingen mehr feines, untergründiges Glück als in sterilen Neubauten oder moderner Reduzierung auf Nützlichkeit und Armut, ja verhärmter Armseligkeit in Form und Stil. Dieser Staub hatte etwas Barockes, etwas von dicken Engelchen und Putten, Gold und Formenüberschwang. Mudev Skrugels Wagen bekam durch den sich verbreitenden und dadurch geretteten Staubgeruch eine barocke Note, einen Gryphius als Beifahrer, und dazu weniger einen lutherischen Bach, doch dafür einen italienischen Vivaldi im Radiogerät, das man dafür nicht einschalten, nicht elektrisieren mußte: Die Gefahr irgendeiner gehämmerten Drecksau-Musik aus dem real existierenden Radio war viel zu groß.
Mudev Skrugel konnte sein Glück kaum fassen: Eine kulturell aufgeladene, gleichsam sanft-subversive Staubwolke trug ihn in den Süden. Eine süßliche Verfalls-Spur im rollenden Glacis der Wagen-Festung, die Vorstufe zum späteren ringförmig um die imaginäre, unüberschaubare und verwinkelte Innenstadt gelegte breite Parkanklage mit alten, hohen und würdigen Bäumen, in die sich bröselnde Villen aus dem 19. Jahrhundert reihen: Ein Versteck, ein reines Versteck, so wie ein Erdloch oder unterirdische Korridor-Systeme, ein Versteck, das Freiheit meinte. Die Kieselsteine knirschten unter dem Schritt des Parkwanderers, suchte er im ehemaligen Glacis der Stadt verwitterte Grabsteine, um deren Verfall zu studieren und die Fieberträume der Landschaft zu analysieren, eine Kunst, die lange genug in Vergessenheit geraten war. Oh, du lieber Augustin, alles war hin.
Am Horizont zeichnete sich der Lichtschein von Strasbourg ab, eine orangefarbene Haube, die sich in die Dunkelheit hineinfraß. Mudev Skrugel verabscheute das Autofahren bei Dunkelheit, denn zum einen sah er mit seinen beiden Augen weniger und zum anderen haftete dem ein Geschmack von kurzatmigem, hektischem gegen-die-Zeit-fahren an. Doch die Aussicht, demnächst Strasbourg zu erreichen, versöhnte ihn mit der Raserei durch die Nacht und die Macht der Schwärze.
Strasbourg. Und davor wieder seltsame Worte, die sich einnisteten, die Bemerkung RAPPEL unter den Schildern (für rappelation, also Erinnerung) sowie eine Raststelle mit dem Namen Aire de Katzenkopf. Nirgendwo gab es eine Pause in den Worten; es gab keine Wort-Gnade, keine Wort-Pause. Zum französichen rappel gesellte sich für denjenigen, der Deutsch zur Muttersprache hatte, das Wort von einen Rappel haben, d. h., nicht ganz richtig sein im Kopf; es rappelt in der Kiste: Katzenkopf? Nicht tête du chat?
Als Mudev Skrugel sich Strasbourg näherte, überraschte ihn, wie schnell man sich dem Zentrum nähert, wie schnell die charakteristische Fassade des Münsters ins Blickfeld gerät, wie weit sich die Innenstadt bvon innen heraus nach draußen erstreckt. Mudev Skrugel war auf früheren Fahrten stets von Strasbourg entzückt gewesen, denn obwohl Deutschland nur einen Steinwurf entfernt über dem Rhein lag und Strasbourg in der Geschichte immer wieder zu Deutschland gehörte, zeigte die Stadt ein klar französisches Gepräge, die Cafés, eine gewisse romantische Abgenutztheit der Hauswände oder ein gewisser Duft des Mauerwerks. Oder so herum: Strasbourg erschien französischer als Elsaß-Lothringen.
Mudev Skrugel hatte Schwierigkeiten, ein Hotel zu entdecken, das einen abgesperrten Parkplatz für sein Auto mit dem Archiv und den Manuscripten bieten konnte. Als er fündig wurde, war kein Zimmer mehr frei. Skrugel bedauerte das sehr, denn das Hotel war alt und charmant, ein wenig versteckt und verschwiegen. Hinter den Vorhängen nicht modernes verhörartiges Licht aus blendend-weißen Halogen-Kanonen, sondern das Geheimnis eines charmanten Zimmers, überaus gediegen uind privat, ein wenig bröselig und verfallen dazu, möglicherweise mit Bidet.
Die weitere Hotelsuche jagte ihn vom französichen Strasbourg über die Pont de l'Europe ins deutsche Kehl und wieder zurück. Es ergriff ihn eine Scheu, allzu lange auf der Brücke zu verweilen, er wollte entweder zur Gänze in Deutschland und damit in Kehl sein oder ganz und gar in Strasbourg. Wenige Jahre zuvor wäre ein derartiges Pendeln zwischen Strasbourg und Kehl so nicht möglich gewesen, da die Grenzkontrollen dazu eine recht ablehnende Haltung entwickelt hätten. Doch der Schein trügt. Grenzkontrollen fanden nur allzu oft ein paar Kilometer im Landesinneren statt. Philosophisch oder ethnologisch gesehen ist das klar. Wer Grenzen abschaffen möchte, erreicht damit lediglich, daß die Grenze nunmehr überall ist. Aber gewiß läßt sich auch mit diesem Zustand laben. Was wäre die Alternative? Nicht zu leben bedeutete Handlungsunfähigkeit.
Als sich abzeichnete, daß in Strasbourg zu jener Stunde und für Mudev Skrugel kein Hotelzimmer zu ergattern war, entschloß er sich, die Fahrt einfach ein wenig fortzusetzen, obwohl er die Dunkelheit unangenehm empfand.
Richtung Colmar: Beunruhigende nächtliche Gegend mit bedrohlichen Strommasten, die ihre Arme nach oben streckten, als wollten sie über Autofahrer herfallen, um sie mit elektrischen Schlägen zu traktieren und sie danach in der Manier eines Riesen aus der Traumwelt von Goya zu verspeisen.
Mudev Skrugel hatte solche Fahrten früher schon als Todesfahrten bezeichnet, Wege ins nächtliche Nichts, suchen nach etwas, das nicht aufzufinden war, im Karussell der menschlichen Erfolgssehnsucht die Rolle des Arschlochs übernehmen. Nichts vorzuweisen haben. Der garantierte Verlust der Würde und der Unantastbarkeit. Vogelfrei. Der milde Witz derer, die es geschafft haben, über jene, für die kein einziger Krümel vom schmackhaften Kuchen übriggeblieben ist. Ausgeliefert der dreckigen Toleranz der Sieger. Eine Situation, aus der es nur einen einzigen Ausweg gibt: So schnell wie möglich die Seiten wechseln, die Grenzen überschreiten und erfolgreich sein, die Rolle des Arschlochs großzügig einem anderen überlassen.
So gesehen war das Wort von der Todesfahrt nicht ganz zutreffend. Löst der Tod derartige Assoziationen aus? Löst der Tod überhaupt etwas aus oder lösen andere Umstände vielmehr den Tod aus?
Mudev Skrugel schloß aus der Situation, nun sehe er das Elsaß nur bei Nacht, oder mit anderen Worten: gar nicht.
Ein Hotel mit bewachtem Parkplatz mußte her, so oder so. Der Kessel war randvoll, dampfte und war kurz vor dem Überlaufen oder vor dem Absterben, je nachdem. Nur nicht hineinfallen. Nicht hinabsterben.
Das Haus aus dem 16. Jahrhundert war verkauft; Mudev Skrugel hatte keinen Zutritt mehr. Der Weg in den Süden war angetreten. So gesehen ein Erfolg, eine eindeutige Grenzüberschreitung. Auf dem erregenden Staubgeruch der Vergangenheit schlitterte er automobilisiert daher und in die Zukunft dahin. Nur im nächtlichen Elsaß schien es keine Gegenwart mehr zu gebn. Nicht unter diesen überwältigenden Strommasten, die die Landschaft durchschritten wie Giganten. Standen die Masten festgezurrt an einer Stelle oder gingen sie? Oder andersherum: Waren diese stählernen Strommasten bei Tage ebenfalls zu sehen? Vollmond.
Es war ein tragisches Unglück. Beim Waschen Gleichgewicht verloren. Danksagung – Statt Karten: Für die uns entgegengebrachten zahlreichen Beweise aufrichtiger Anteilnahme, durch Wort, Schrift, Blumen- und Kranzspenden beim Heimgang der Friseurmeisterswitwe sagen wir auf diesem Weg unseren herzlichsten Dank.