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Laus tibi, Kaczynski!

erstellt von Gudix zuletzt verändert: 29.08.2007 09:41

oder: Von zweien, die die Fronten wechselten. Die Zwillinge Kacziynski spielten als Kinder in einem Lausbubenfilm und wurden als Erwachsene Präsident, bzw. Premierminister von Polen - und dabei noch ausgesprochen reaktionär! Davon ausgehend entwickelt Gudrun Rupp ein paar Ansätze zu einer Phänomenologie der Laubsbuberei, Laububenkunde oder auch Lausbubologie.

Das Wort "Lausbub" kommt nicht, wie manche meinen, von Läusen, sondern hat seinen Ursprung in der Kirche. Als früher die katholische Messe noch auf Lateinisch gehalten wurde, war "Lob sei dir, Christus, Lob sei dir, o Herr!" der Text der Ministranten – auf Latein heißt das "Laus tibi Christe, laus tibi Domine!" Ein Laus-Bub war also erstmal nichts weiter als ein Ministrant. Der den Weihwasserkessel schwenkt, mit den Eucharistieglöckchen klingelt und das Laustibi spricht.

Naja. Und Dummheiten macht, klar, solang, bis ihn der Pfarrer entnervt aus der Kirche wirft. Sonst hätte es das Wort auch nie aus dem geistlichen in den weltlichen Kontext hinausgeschafft. Denn wer zum Dienst zum Pfarrer geschickt wurde, bei dem hatten diverse andere Erziehungsmethoden schon versagt. Die Laus-Buben waren nicht die frömmsten Knäblein des Kirchspiels, sondern die schlimmsten Bengel, die die Schule schwänzten, den Rohrstock ignorierten, Äpfel klauten und den Kommunionsunterricht sabotierten. Und so wurden sie denn irgendwann vom Vater am Schlafittchen gepackt und zum Pfarrer geschleift, damit der dieser anarchischen Bagage endlich Mores lehre.

Die Kirche war somit die Erziehungsklapse der früheren Jahrhunderte. Später gab es Internate und Besserungsanstalten, heute gibt es Schwererziehbarencamps – früher gab es den Altardienst. Der Zweck dieser Einrichtungen war derselbe: eine Einübung in Hierarchie. Es gibt Ordnungen, Regeln und Gesetze, an die man sich zu halten hat, wenn die Gesellschaft funktionieren soll, Traditionen, Gebräuche, Muster, Kodices; es gibt Vorgesetzte, Lehrer, Rektoren, Väter, Chefs, Rechtsanwälte, Polizisten, Präsidenten, Kanzler, Kaiser, Könige, Bischöfe, Päpste und Fußballgötter, deren Wort Gesetz ist und deren Anordnungen man gefälligst zu befolgen hat, weil sie auf der Gesellschaftstreppe ein paar Stufen höher stehen. Und ganz oben, unanfechtbar, thront der Herr selbst und Jesus zu seiner Rechten. Also neige dein Haupt, Bengel, erkenne die Ordnung an und sprich mir nach: LOB SEI DIR, o Herr.

Charakteristisch für den Lausbuben ist nun aber natürlich: er tut einen Scheißdreck. Er spricht das Laustibi, na meinshalben, aber er hält sich nicht dran. Er erkennt keinerlei Hierarchie an. Er ist durch und durch Anarchist. Er will leben, er will ein schönes Leben haben, ein lustiges, ein freies. Und das geht. Na klar geht das! Und man braucht dazu nichts weiter als nichts – eine Wiese, eine Straße, ein Flußufer, und vierundzwanzig Stunden Freiheit. Ich ignoriere einfach diesen ganzen erdrückend-muffigen Mist, der mich einengen will, Schule, Kirche, Benimm- und Statusregeln und schwanze hinaus in die freie Welt. Und wenn sich einer querstellt und mich daran hindern will, den Tag zu genießen, dann piek ich dem ne Nadel in sein’ fetten Arsch, und wenn er sich brüllend herumwirft und mich packen will, saus ich an ihm vorbei. Kriegt mich nich zu fassen, klar, weil er viel zu schwer und ungelenk ist. Stiernacken, Speckfalten, Eierkopf und unbeweglich wie n Faß Heringe, na czlowieku, und so was soll ich mich unterwerfen? Na guwno! Und lange Nase und ab.

Ein echter Lausbub macht also keine Dummheiten "um der Dummheiten willen", um die dröge Pflicht aufzupeppen – sondern er macht Dummheiten, um der Pflicht zu entkommen. Dem rotierenden Hamsterrädchen wird ein Holzpflock zwischen die Speichen geschmissen, und in der Zeit, die es den Oberhamster kostet, diesen Holzpflock zu lokalisieren und zu entfernen, ist der Lausbub längst über alle Berge, schwimmt fröhlich in der Demer oder schwanzt durchs Städtli. Die Ordnung wird negiert, und der, dem das nicht paßt, wird beiseitegefoppt. Aus der Kirche, der Schule, dem Kaffeekränzchen zu fliegen, ist für den Lausbuben keine Schande, sondern Freiheit. Leben pur! Was ist Leben pur? Frei sein, lustig sein. Und nicht arbeiten bitte noch dazu! (Zitat Janosz, aus POLSKI BLUES)

(Deshalb halte ich auch nichts von der "Feuerzangenbowle" und ähnlichem: gewohnheitsmäßige Schulstreiche sind nicht Anarchie, sondern Negation der Negation und damit Affirmation der Ordnung – um sie auszuführen, muß die Schule als Einrichtung ja akzeptiert werden, und genau das ist verkehrt. Pfeiffer und Konsorten sind nur Klamauk, keine hierarchiesprengende Negation. Mehr zu diesen Hegeleien ein andermal.)

Früher haben wohl schon die meisten Ministranten eines Jahrgangs klein beigegeben und sich nach einer Weile den höheren Autoritäten, den Pflichten, Regeln, Ordnungen und Traditionen ohne Mucksen unterworfen. Dann kam 1968, und man lernte, bestehende Ordnungen und Gebräuche anzuzweifeln. Nicht alles, was sich Autorität schimpft, ist eine. Mit Traditionen wurde gebrochen, Etikette wurden ignoriert und ausgelacht. Kirche ist nicht mehr wichtig, und kein freier Bürger muß sich vor irgendwelchen Honoratioren in den Staub schmeißen. Die 68er, die kritischen und aufgeweckten jedenfalls (es gab natürlich auch eine Menge doofer Mitläufer mit zugekiffter Rübe und sonst Vakuum im Hirn) gruben wieder das aus, was die Aufklärer im 18. Jahrhundert schon formuliert hatten und was unter Hitler und Adenauer dann etwas verschütt gegangen war.

Worauf will ich jetzt hinaus? Daß heute Lausbuben nichts mehr zu tun haben, weil es keine Hierarchien mehr gibt, und sie deshalb ausgestorben sind? Nein. Schmarrn. Käse. Teer mit Pappe, das. Erstens sind sie gar nicht ausgestorben, das sieht jeder, der offenen Sinnes durch Neukölln schwanzt. Und zweitens gibt es ja durchaus noch Hierarchien. Nicht mehr dieselben wie früher, klar; aber eingeebnet ist die Treppe noch lange nicht.

Und es gibt außerdem noch viele Rückwärtstendenzler, Rückschrittler, Revivalisten, die die "gute alte Zeit" wiederbeleben wollen, weil sie mit der Freiheit, die sie als reife, erwachsene Homines sapientes haben, nicht klarkommen und deshalb gern in den Mutterschoß der alten Traditionen regredieren, weil es dort so schön warm und kuschlig und sicher ist. Bernhard Bueb ist so ein liebenswerter Reaktionär – sein Buch "Lob der Disziplin" (harhar! schon wieder ein gefordertes Laustibi, auf das man scheißen kann!) von 2006 wünscht sich die moderne Schule wieder auf ein Niveau von 1906 zurück, mit Karzer, Nachsitzen und Stubenarrest.

Und die Kaczynskis. Jaroslaw und Lech, bracy Kaczynskiego, die beiden Zwillingsbrüder, die im Moment dem polnischen Staat vorstehen, Jaroslaw als Premier und Lech als Präsident. Auch sie sind Reaktionäre. Statt Polen aus dem nachkommunistischen Kater ins neue Jahrtausend zu führen, führen sie es in die tiefste polnische Spießigkeit und Autoritätshörigkeit zurück. Sie regieren – und reagieren – wie zwei geifernde Rumpelstilzchen, humorlos, stiernackig, doppelkinnig, schmalhirnig, kurzsichtig, kurzatmig, unsouverän, immer gleich beleidigt und jegliche Etikette mit fast lächerlicher Penetranz hochhaltend, sei das nun das akkurate Verbeugen vor der polnischen Flagge oder das sonntägliche Zockeln in die Kirche. Das Deutschland-Bashing führen sie genauso eifrig und hirnlos durch wie damals Kaiser Willem II. das England-Bashing. Was Deutschland macht, ist immer falsch, Deutschland ist an allem schuld, und wir sind die armen Opfer…

Und ihnen, den swiety bracy, den heiligen Brüdern, hat man sich in jedem Fall zu unterwerfen, sonst drohen drakonische Strafen – aus dem "laus tibi Domine" wurde ein "laus tibi Kaczynski", denn der Staat hat immer recht, und der Staat ist wir zwei. Wer "ätsche bätsche Käcze!" ruft, fliegt hochkant in den Knast – juhu, so hätten sie es gern, was?

Wenn ich die beiden polnischen Giftzwerge im Fernsehen zetern sehe, muß ich immer an DIE ROTE ZORA UND IHRE BANDE denken, die Verfilmung aus den 70er Jahren: an Begovic, den dicken Gendarmen, und Karaman, den dicken reichen Bauern, denen Zoras Bande immer wieder entwischt. Oder an den Bauern Coene im WITTEKOP; Coene mal zwei und zusammengestutzt auf hundertsechzig Zentimeter, das sind die Kaczeks. Oder an Professor Pitkins und seine Frau im TAGEBUCH EINES BÖSEN BUBEN. Und wenn ich die Kaczeks in Verbindung setze mit den pittoresksten Gegenspielern aus der internationalen Lausbubenliteratur, dann ist das durchaus nicht hergeholt – denn die Kaczeks sind vor 45 Jahren in ebendiesem Metier berühmt geworden.

1962 spielten sie, 12jährig, die Hauptfiguren Jacek und Placek in dem polnischen Lausbubenklassiker O DWOCH TAKICH, CO UKRADLI KSIAZYC, zu deutsch: "Von zweien, die den Mond klauten". Das Buch ist von 1928, der Autor heißt Kornel Makuszynski, und es geht in der Geschichte um zwei Bengels, die keine Lust haben auf Schule und Arbeit und dann, als sie erfahren, daß der Mond aus reinem Silber sei, kurzerhand beschließen, den Mond zu klauen… eine Lausbubengeschichte echten anarchischen Zuschnitts also, keine Klamaukpiefjes, sondern Negation. Und nicht arbeiten bitte noch dazu…

Früher, in den vergangenen Jahrhunderten, ja da war zu erwarten, daß Max und Moritz, wenn sie denn überleben, selbst zu Lehrer Lämpel und Schneider Böck werden oder die rote Zora zur Witwe Bolte und sich dann von den eigenen Kindern und Neffen wieder mit den alten Nadeln pieksen lassen müssen. Geschichte verlief damals immer gleich. Aber jetzt, nach 68, wo wir doch nun die Fragilität von Autoritäten kennen und die Fragwürdigkeit von Hierarchien? Daß Jacek und Placek so dermaßen offensichtlich die Fronten gewechselt haben, auch vom Optischen her, ist schon ungewöhnlich. Damals sahen sie aus wie freiheitsliebende Lümmel (und verkörperten dies auch und waren, wie ich mir vorstellen kann, damit bestimmt Helden für reale freiheitsliebende Lümmel im Polen der 60er) – heute sehen sie, mit feister Speckfresse, stechendem Blick, Dreifachkinn und immer furchtbar verklemmt und bemüht wirkendem Lächeln, aus wie Karikaturen von Ordnungshütern. Als Jacek und Placek stanken sie gegen die Ordnungen und Hindernisse an, die dem Freiheitsdrang eines jungen aufgeweckten Menschen im Weg stehen – heute repräsentieren sie genau jene Ordnungen, und zwar aufs Spießigste und Penibelste. Und auch eben nicht nur die Ordnungen, denen sich ein moderner Bürger zu fügen hat – Menschenrechte, demokratisch vereinbarte Gesetze -, sondern auch jene Ordnungen, die für moderne Bürger schon längst als antiquiert gelten: Nationalismus, Kniefall vor der Flagge, Konservativismus, Unkooperativität, Schätzleswirtschaft, Europafeindlichkeit, Homophobie, Pressezensur und unbedingten Gehorsam vor der Staatsmacht.

Sicher, man darf nicht erwarten, daß die Darsteller der Hauptfiguren in einem solchen Film auch im echten Leben den Spunk der verkörperten Helden weitertragen – aber ein bißchen Augenzwinkern wird doch noch übrig sein, oder? Eric Clerckx, der 1980 den Wittekop gespielt hat in der Verfilmung von Robbe de Hert, ist jetzt zwar auch ein braver und tüchtiger Erwachsener geworden, aber einer mit Lachfalten um die Augen. Und auch Inger Nilsson "distanziert" sich nicht von ihrem Durchbruch als Pippi Langstrumpf 1968, sondern schmunzelt drüber.

Die Bracy Kaczynskiego hingegen sind ungehalten, wenn man sie auf den Film anspricht; anfangs, als Lech im Herbst 2005 Präsident wurde, stand es natürlich noch in allen polnischen Gazetten und auch in den ausländischen, um den neuen Staatsmann dem Volke vorzustellen – Reaktion in Polen war oft ein wiedererkennendes Grinsen: ach Mensch, kuck mal, das ist ja der, wo… Als dann Jaroslaw im Sommer 2006 Premierminister wurde, war die Sache mit dem Filmchen und den Jugendsünden für beide abgehakt, und sie wollten, das betonten sie energisch mit erregt zitternden Doppelkinnen, als Politiker ernstgenommen werden, also bitte keine Hinweise mehr auf Lausbubenfilmchen und Zwillingsfinten und keine Fotos mehr von damals! Prosze!! Der SPIEGEL brachte im Juni ein Titelbild, auf dem die Kaczynskis fähnchenschwingend und feixend auf Angela Merkel reiten wie zwei unreife Dreijährige, die ihre Mutter terrorisieren – das hat die Kaczeks wieder deshalb so in Rage gebracht, weil der Hinweis auf ihre innere Infantilität unverkennbar war.

Klar, Lausbuben zu spielen ist nicht dasselbe wie Lausbuben zu sein, und Lausbub sein heißt auch nicht, daß man immer einer bleiben muß. Jacek und Placek waren nur Rollen – man kann sich gut vorstellen, daß damals ein Regisseur des Wegs kam, in Warschau ein Casting veranstaltete und bei Anblick der Kaczeks ausrief: dobrze, wunderbar, die zwei nehmen wir! Es war nur eine Rolle, und inwieweit die beiden sich im wahren Leben so benahmen wie vor der Kamera, wissen wir nicht. Ich verlange ja auch nicht, daß die Kaczeks sich heute immer noch wie Lausbuben aufführen sollen – nein, ich verlange lediglich ein reifes Aufarbeiten der Jugendsünden, was in diesem Fall bedeuten würde: Nachdenken über Anarchie – Infragestellen antiquierter Ordnungen – und dies hätte dann auch direkte Folgen auf die Politik der Kaczeks: ihre Scheuklappen würden abfallen, ihre geistige Eindimensionalität verschwinden, ihre Augen würden Lachfältchen kriegen und sie würden auch diese typischen Minderwertigkeitskomplexe verlieren, die kleine dicke Chefs meistens haben, dieses aggressive ich bin zwar klein und dick, aber ich bin dein Vorgesetzter, also respektier mich gefälligst! Kurz: wenn sie den essentiellen Sprengstoff ihrer Kindheitsstarschaft kapiert hätten, wären sie heute zwinkernde, aufgeklärte, souveräne Staatschefs und nicht die Witzfiguren Europas. Wenn sie ihre damaligen Filmrollen heute annehmen könnten, wären sie heute mehr als bloß Darsteller der Präsidenten- und der Premier-Rolle. Daß es zwei Zwillingsbrüder an die beiden höchsten Positionen in ein und demselben Land schaffen, ist ja auch ein Coup, eine Riesenfinte – aber czlowieku! was sie da draus machen, das ist keine Finte mehr, das entbehrt jeder Gerissenheit.

Im Herbst 2007 gibt’s Neuwahlen. Dann wird vermutlich Schluß sein mit der Finte. Der Film "Jacek und Placek an der Macht" is vorbei…

Wird Zeit, daß mal jemand die Kaczeks pfeffert und auf ihre Wurzeln zurückschmeißt. Kacze Nadel in n Arsch!

Und ab durch die Mitte…