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Ich bin tourist in meinem jugendtal

erstellt von Herbert "Hel" Laschet zuletzt verändert: 28.10.2007 14:34

Als ich 2006 Hel das Gedicht im Cafe Schliemann lesen hörte, war ich sogleich hin und weg. diese elegische Abrechnung mit der eigenen Biographie, die vor Understatements nur so strotzt ... und das in dieser maroden Atmosphäre ... also bat ich ihn, es mir zu schicken. Hel selbst stellt ihm übrigens das Motto voran: "Ich bin tourist in meinem jugendtal / Es ist nicht was es war Es IST nicht mal"

1.

Er schien ein bursche proletarisch echt
doch machte er zu ungschickt auf Brecht

sein image? nun auf jeden fall bebrillt
Und seine mutter hat er nie gekillt

Er war kein Streber und nicht renitent
war höchstens was man außenseiter nennt

Gymnasium naja: Herzogenrath

Man kommt auf flausen aber nie auf draht

Das einzig eigne was ihm jemals kam:

daß er französisch ließ und griechisch nahm

seitdem in toten sprachen polygott

ist er in lebenden provinzfalott

Wo war er als er süße 17 war?

in seiner welt nicht in der disko klar

Und warum blieb er nicht in seiner welt?

ne F-zweig-usche gab ihm fersengeld

und dieses mädel gab sich radikal

da schmeckten ihm die Perry Rhodans schal

Die andre kleine ja die war ganz nett

Die ließ er liegen wie n vergeßnes brett

und hatte mit ner dritten den salat

war deren dritter mann im kombinat

Die schwester schildert ihn als stieselig

An herzlichkeit erinnre sie sich nich

Er zog hinaus? Er ging nicht wirklich fort

und hatte lange noch sein zimmer dort

Er lebte nach dem Bund in Aachen dann

wo man in ruhe bafögschieben kann

2.

Die Aachenjahe: was? der schnösel da

Ein massenunimelancholiker

ein fakultätsprodukt und ohne chance

mit plattemach- / beamtenarschavance

Er war ein abgefuckter Guttunich

nicht mal für einen Künstler hielt er sich

er hielt sich für nen straßenkämpfer man

das warn die siebziger jahre mach was dran

der leib so krumm wie n Eric Burdon riff

der arsch nicht übel aber küstenschiff

und wurde nicht mal komische figur

denn selbst zur komik braucht man mehr natur

Die siebziger die überwand er nie

Wohl viel zu gut doch häßlicher als sie

In Frankfurt hing er ab in Hamburg auch

und brannte ab ein feuer ohne rauch

Er hing so rum er wußte nicht wo r blieb

Er jobbte WGtierte und er schrieb

wer tat das nicht? und er gab überdies

ne zeitschrift raus die DER VERRÄTER hieß

und hielt sich über wasser nahm s klein klein

erfand damit vielleicht das Egozine

Die züge kamen und er sprang nicht auf

Die züge fuhren ab er schrieb was auf

In vaters bahnerjacke wohlgemerkt

so à la Brecht doch speckig ungestärkt

Er lebte pittoresk improvisiert

Schrieb grauenhaft und viel und hat kampiert

3.

Er machte Fried mit Zahl den ganzen schmull

und gab sich so als käm er von der kull

Sein mädel stand auf progressiven schmus

die schleppte ihn zu Biermann und Ted Hughes

Der Biermann tat ihm an die zähne weh

doch selber singen? immerhin: das nee

Dann gab es die die auf Deep Purple stand

die war so sexy wie ne lärmschutzwand

Dann kam das schweinchen das war richtig lieb

Es war wohl ausgemacht daß er nicht blieb

Die fuffzehnjährige mutter ausm krau

Die hatte alles für ne spießerfrau

und ihre mutter war argotgespickt

die hört er raus wenn er die kleine fickt

Dann war er weg vom fenster: messejob

und eine usch die hatte krepp im kopp

doch stinknormal war jedes andre teil

die stand auf tantra war verknotungsgeil

Und eine wollte fernsehtante sein

sie hängt ihn ab: er brachte sie nicht rein

Und eine war die größte heulerin

die heulte los, kaum steckte einer drin

Man macht auf messerheld und kraaker punk

Die außerhalb sind spießer gottseidank

Ach ja: er war mit einer in Paris

Die sich den urschrei reparieren ließ

Zur liebe hat ihm dann der mut gefehlt

Jetzt wartet er daß ihn ihr fluch verschwelt

4.

Der größte dem er je begegnet ist

war Beuys es ist nicht draus geworden mist

Nun ja er sah auch Böll ersah auch Fried

Doch gibt s kein bild auf dem man beide sieht

Mit Müller gibt s kein bild na ja mit Pohl

und wer ist Pohl? und wer ist Rarisch wohl

(mit dem es auch kein bild gibt übrigens

nur ER mit katze davon gibt s immens

na immer privatös und nicht zu knapp

der nachlaßtante geht schon einer ab)

Er hatte kein gefühl für wichtigkeit

war kein de Toys kein maßschnitt für die zeit

und war doch auch mal groupie oder wie

soll man das nennen? Führerhysterie

in Düsseldorf da dachte er: DAS BLATT

bis die RHEIN RUHR SCHAU ihn erschlagen hat

und haut er auf den putz? hat er terz gemacht?

in HH bei der punk & ludenschlacht?

er schaute zu und hat was abgekriegt

im aufschrieb sieger doch im fleisch besiegt

Da gab es nichts von Toysscher gegenwart

man stolpert übern stab der kreise scharrt

Er log sich in die tasche aber schlicht

Zum mythomanen langt es dennoch nicht

Was tat er wirklich? las sich grau im kopp

Die welt zerfiel er wankte ins Alsob

Er scheiterte und nicht auf glamourart

die lücke narbt er hat sie ausgespart

So ist auch er vielleicht ein zeitsymbol

Wer wär das nicht mann? und das weiß er wohl

5.

Gewiß er quaxte nicht wie Mey und Brel

er boxte nicht wie einst René Crevel

er machte scheinbar keine mode mit

egal ob pogo oder tangoschritt

und wenn er einmal richtig pop war dann

als er den campsten aller slams gewann

Ich mein er lebt von dem was übrig bleibt

was sonst in einer zeit die manko schreibt

Er ist mit 40 noch beim zettelcheck

und s Arbeitsamt hat ihm die beine weg

Hat er s vergeudet? falsch gepolt? vergeigt?

man nennt s präsenz wenn einer ist nicht zeigt

Von resten leben: lassen wir s mal stehn

Man kann auch sagen: kein sichdurchsetzgen

Fährt eine Katze nie die krallen aus

dann hält man sie am ende für ne maus

Man muss kein EGO haben doch man muß

nicht umgestülpt sein wie ein oktopus

Bei kleinen krims da griff er immer zu

Doch hütet er sich vor dem großen coup

War das nun ehrgeiz? Eher köder biß

er warf sich selber die angel die ihn riß

in sich versponnen aber ungestalt

zur falschen zeit und immer schon zu alt

und fürs plebejische trotz Brecht zu fein

und fiel doch auf die ganglienfänger rein

Er brauchte keinen alk um draufzukomm

war bücherjunkie graustoff war sein OM

Als fazit bleibt: vergraben ein talent

herunterbrennen während man nicht brennt

6.

Erst war er wie gesagt friedzianisch drauf

Dann zug er eine brettlfreakshow auf

die war nicht witzig aber voller hohn

na klar er wollte auf den Dylanthron

Dann fühlte er sich wie ein institut

es war zu groß geplant es ging nicht gut

(RHEIN RUHR SCHAU und mit anwartschaft auf papst

doch mangels kapital ab II geAbst)

Dann hob er reichlich spät doch lyrisch ab

auf einmal machte ihm die große prosa schlapp

Dann wurde er privatistisch und verschwand

in einem wald den keiner mehr verstand

Er brachte keinen graden Satz mehr hin:

Nenn knoten pahlsteek schon ergibt s nen sinn

Dann machte er auf volksschriftstellerei

Auf sprüche neu wie brot und alt wie blei

Dann merkte er: wo s rauskommt ist der brief

Und pflanzte seine briefe breit und tief

Er ist kein messie das ist nicht sein spleen

Nur von den schreibchen hat er stets kopien

Er ist wohl eitel doch am falschen ort

Noch jahre später modelt er ein wort

zb hat er s mit dem reinen reim

Ein i auf ü das macht ihm wirklich pein

So pusselt er an der gesamtwerkkür

papierentsorgen heißt das wort dafür

Er hat das schlachthaus 20 überlebt

sitzt da als muselman der bildchen klebt

Ein fall von durchgefallen? tragisch? nää

nicht einmal tragisch nicht mal schlechter schmäh

7.

Er schrieb zuviel und dennoch nicht genug

Er bracht es nicht zusamm das war sein fluch

Na gut bei ihm sah manches aus wie neu

doch meistens blieb er seiner masche treu

hier glatt dort schroff hier schlampig dort bemüht

er blieb anakoluth? anakolith?

oft allzu protzig immer uncharmant

ging s mit geübter nicht mit guter hand

und später wurd es eher sentenziös

und wo s poetisch wird wird s poetös

Man merkte stets den dichter den er gerade las

an dem er maß nahm den er dann vergaß

gerüste die er schwer mit sinn belud

den zapfte er aus büchern nicht aus blut

war selbstvergessen aber selbstfixiert

sensibelchen der schleierblicke tranchiert

So ist er stets im graben langgeschlorrt

kam endlich nach Berlin was wollt er dort?

Bohème ist ewig bleibet allezeit jung

in ihrer mühsal der verwahrlosung

Am ende hat er seine küchenwelt

Ein Robinson von schmierpapier umstellt

und lebt wie sein eigner delinquent

dem man den tag der hinrichtung nicht nennt

War 20 jahre arbeitsamtsrentier

das immerhin und stellt sich tot wie eh

Und? wird er enden als security?

familienarschabwischer? nobody?

Wenn etwas bliebe denkt er ... aber ihn

schreibt sie zu staub die große schreibmaschin