Virtuelle Welten und Naked Lunch
Wer sich für das Erlebnis virtueller Welten interessiert, kann von Second-Life und anderen Cyberworlds nur enttäuscht sein, denn im Vergleich dazu entführen uns die Romane des 19ten Jahrhunderts viel totaler und in viel fremdere, phantastischere Welten. Diese These soll anhand der neuro-kognitiven Bewußtseinsphilosophie erläutert werden. Außerdem geht es um eine Würdigung des Lebenswerks von William S. Burroughs.
Cineasten und Kinofans schwören gern auf die Wirkung eines Films, wenn er sie vollkommen in seinen Bann zog, in eine fremde Welt entführte und die Alltagssorgen vergessen ließ. Seit den 90er Jahren gibt es dafür sogar eine neues Modewort: Virtuelle Welt. Sie gilt dann als besonders perfekt, wenn sie alle menschlichen Sinne gleichzeitig anspricht, also im Kino zum Beispiel zusätzlich zum großen Bildformat noch einen entsprechenden Mehrkanalsound mitbringt, und die Special Effekts als solche nicht zu erkennen sind. In den USA gibt es sogar Kinosäle, in denen zusätzlich Gerüche produziert werden und die Sessel bei einer Autoverfolgungsjagd ordentlich wackeln. Computeranimationen haben es möglich gemacht, der Realität täuschend ähnliche Fantasylandschaften entstehen zu lassen oder fiktive Wesen aus dem Weltraum wie echte Lebewesen erscheinen zu lassen. Dennoch ziehen mich solche Filme immer weniger in ihren Bann. Roland Emmerich kommentierte die Entwicklung der modernen Technik, die Grenzen des filmisch Umsetzbaren seien nur noch durch die Vorstellungskraft der Regisseure begrenzt, nicht mehr durch die technische Umsetzbarkeit. Und Hel meinte während eines Gespräch zu mir, die Entwicklung der Computerfilmtechnologien würde endlich die Realisierung von Goethes "Faust II" möglich machen, einem Drama, das wegen seiner überlappenden Realitätsebenen und ineinander verschwimmender Charaktere für die normale Theater-Bühne zu phantastisch sei. Doch weder Drehbücher noch Regie nützen die Technologie richtig aus. Ganz im Gegenteil scheinen gerade die flimtechnisch ausgefeiltesten Umsetzungen sich den ältesten Mythen und Strickmustern zu bedienen: der "Terminator" benutzt alte Erlösermythen der Bibel, "Starship Troopers" ist eine Weltallmillitäroper wie in den 50ern und "Das große Krabbeln" auch nur nach den üblichen Disneyschemen gebaut. Den Zuschauer mögen solche billigen Motive kaum zu Fesseln, eher lehnt man sich zurück und betrachtet die enorme Tricks mit dem interessiert-analytischen Blick eines Ingenieurs oder eines neugierigen Besuchers der Hannover-Messe.
Einfach gemachte Filme wie die der "Dogma X"-Gruppe oder andere leidenschaftliche Produkte, die mich anrühren und bewegen, können mich viel mehr in ihren Bann ziehen, eine viel durchgreifendere virtuelle Welt erzeugen als die Techno-Opern der großen Hollywood-Ingenieure, die zwar eine vollkommene Raumstation mit echt lebendig scheinenden Aliens in Szene setzen, indes menschlich-seelisch kaum überzeugen: das offiziell als virtuelle Welt bezeichnete entführt mich selten aus der Alltagswelt. Dagegen kann ein Film, der vielleicht mit einfachsten Mittel gestaltet ist, ja sogar ein simples Kabinett-Stückchen oder ein bloßer Monolog (gehalten von einem engagierten Schauspieler auf einer Studiobühne) mich stärker in Bann ziehen, von den Alltagssorgen loseisen und somit (vorübergehend) eine virtuelle Welt erzeugen. Schließlich kann auch ein geschriebener Text, ein Roman eine virtuelle Welt erzeugen. Dies, meiner Meinung nach, sogar ungleich durchgreifender und radikaler als es je ein Film je vermöchte; schlicht aus dem Grund, da sich Bewußtsein in Form von Sprache vollzieht, wir indes immer nur einen Gedanken auf einmal Denken können, und jedes gelesene Wort, in dem Augenblick, in dem man es liest, sozusagen alle freien Kapazitäten voll belegt. Um über das, was wir gerade gelesen haben, nachdenken zu können, müssen wir innehalten. Das ist im Kino eben anders, in dem wir sehr wohl sitzen und einen Film verfolgen können und uns dabei zurücklehnen, wie Brecht es empfohlen hat, und gleichzeitig über das was wir wahrnehmen reflektieren. Wenn wir jedoch einen Text am Stück lesen, ja vielleicht in eine Art Sog geraten und den Wörter immer flüssiger verschlingen, ist unser Bewußtsein ganz davon erfüllt. Oder, um zur Abwechslung mal mit Hegel zu sprechen: die Wirkung der Malerei geht aus von der unmittelbaren Wahrnehmung, die Wirkung der Literatur ist durch die Existenz von Denken und Sprache vermittelt. Eben darum meine ich, daß ein Roman seine Leser viel vollkommener durchdringen kann als es einem Film jemals möglich ist, weil das Medium des Bewußtseins Sprache ist, nicht etwa Bilder und Geräusche. Da gibt es zum Beispiel die Bücher "Wer die Nachtigall stört" von Harper Lee oder "Mitgift" von Michaela Seul, die aus der Sicht zehnjähriger Kinder geschrieben sind und den Leser für die Lektüre wirklich in die Haut von Kindern schlüpfen läßt, mit allem Zauber, allem Glauben, allen Ängsten - den Film möchte ich sehen, der das schafft!Auf beiden Ebenen virtueller Welt funktioniert für mich D. Cronenbergs "Naked Lunch", die Verfilmung des berühmten Burroughs-Romans. Schon William S. Burroughs unterteilte seine Prosa nicht in Fiktives und Reelles, und er wehrte sich gegen Versuche, seine Beschreibungen als Metaphern oder Allegorien zu interpretieren. Alles was er schrieb sei vollkommen autobiographisch und bitte auch so zu verstehen. Das gilt freilich erst recht für so durchgeknallte Szenarien wie das folgende, beinah willkürlich aus "Naked Lunch" herausgegriffene: Der Professor, eine Kette aus Kaulquappen um den Hals, kommt mit dem Fahrrad an. Er steigt die Stufen zum Katheder hinauf und hält sich dabei den Rücken. (Ein Kran schwenkt eine brüllende Kuh über ihn hinweg.) / Prof.: "Letzte Nacht hat mich die ganze Armee des Sultans gepimpert. Habe mir im Dienst meines derzeitigen Hausdrachens das Steißbein ausgerenkt..." Und so geht es über etliche 100 Seiten. Wer über solch eine abgefahrene Wahrnehmung verfügt und darüber hinaus darauf besteht, sie sei real, muß schon über ein besonderes Bewußtsein verfügen, das die Grenzen des normal filmisch Anschaulichen sprengt. Burroughs hat ja eben nicht nur ein paar schrille Szenarien entworfen, sondern darüber hinaus eine komplexe Welthaltung entwickelt, einen philosophischen Hintergrund seiner poetischen Bilder. Und es ist eben die Frage, wieweit Cronenbergs Film das transportieren kann? Der Film ist eine Mischung aus "Naked Lunch"-Motiven und Szenen aus Burroughs wirklicher Biographie. Das ist soweit o.k., da ja, wie gesagt, Burroughs keinen Unterschied zwischen seinen romanhaften Visionen und seinem tatsächlichen Leben machen wollte. Seine zahlreichen Wortneuschöpfungen, von denen einige in die Pop und Punk-Kultur der 70er Jahre strömten, "Insekt Trusts", "Nova Mob" oder zum Beispiel "Mugwump", bauen auf einer soliden Basis weltanschaulicher Überlegungen auf, die er mit der Zeit verfeinerte.
David Cronenberg läßt Schreibmaschinen in agentenhafte Insekten verwandeln, paranoide Mugwump-Monster wie normale Gäste auf Barhockern sitzen und vermischt das alles mit historischen Tatsachen, ohne eine Grenze zwischen Fakt und Fiktion sichtbar zu machen: lauter gleichberechtigte Elemente eines erweiterten Bewußtseins. Doch findet eine mythologische Verzerrung an der Stelle statt, da Burroughs aus Versehen seine Ehefrau erschießt.
Nachdem Burroughs psychisch und körperlich geschwächt von einem Heroinentzug und einem mehrtätigen Saufgelage gemeinsam mit seiner Frau in einer Kneipe hockt, kommt er auf den absurden Einfall, Wilhelm Tell mit ihr zu spielen - und trifft statt des Trinkglases auf ihrem Kopf ihre Stirn. So berichtet es Miles' Biographie. Burroughs, schwer schockiert über seine Tat, wandert nach Tanger aus und beginnt mit den Literatur- und CutUp-Experimenten, nicht zuletzt auch aus dem Grund, da er sich auf diese Weise eine Art psychoanalytische Selbstaufklärung über sein verkorkstes Seelenleben erhofft. Seine wilde Hartnäckigkeit beim Schreiben wird so zu einer Art Kompensationshandeln für den Tod seiner Frau. Ganz anders dagegen Cronenbergs Film: hier sieht man Burroughs von einem harten Arbeitstag als Kammerjäger heimkehren, seine Frau mit Jack Kerouac Sex treiben, und Burroughs ziemlich routiniert, fast schon mechanisch raunzen, es sei nun an der Zeit für ihre Wilhelm-Tell-Nummer. Sein Erschrecken und die anschließende Flucht nach Afrika zeigen wenig Trauer oder Entsetzen, sondern wirken eher wie die allgemeine und grundsätzliche Desorientierung des drogensüchtigen, introvertierten Schriftstellers, der den Tod seiner Frau genauso gut oder schlecht wegsteckt wie alle anderen Irritationen, die sein sonderbarer Lebensstil eben so produziert. Der Hintergrund für seine wahnwitzigen Phantasien, den man kennen muß, will man seine Mission wirklich begreifen, wird von Cronenberg verklärt und zum bloßen Element einer Biographie, die so oder so vor Verrücktheiten überquillt. Der Film zeigt Burroughs als einen verschrobenen Sonderling voller Horrortrips, von irrationalem Schreibzwang getrieben. Doch in Wirklichkeit arbeitete er gezielt, um seine Horrortrips in den Griff zu bekommen und seine paranoide verwundete Phantasie irgendwie unter Kontrolle zu halten. K9 liefert sich einen Kampf mit den Hirnwellen der Außerirdischen - Magnetische Klauen tasteten nach Virus-Lochkarten - zerrten ihn in einen schwindelerregenden Strudel - / "Zurück - Weg von diesen Klauen - Auf neue Koordinaten gehen" - Am Rathausplatz mußte er lange vor der roten Ampel warten - Vor der Hot Dog Bude stand ein Junge und prustete Wasser von sich - In Schwaden von grauem Dunst driftete er zurück in die Vergangenheit - Geruch von Wein und Abgasen, braunes Haar, ein vergilbtes Foto, auf dem ein Hotelzimmer mit einem Bettgestell aus Messing zu erkennen war.
Der Antagonismus, eine mechanische und verdorbene Zivilisation auf der einen Seite, auf der anderen das kranke Gehirn eines Verrückten, wird von ihm nicht als statischer Endzustand beschworen, sondern als etwas, was es aufzuheben, zu überwinden gilt. Schließlich war es der heimtückische Sprach-Virus, den die Aliens auf unserem Planeten ausgesetzt hatten, der ihn dazu brachte, seine Frau zu erschießen. Der CutUp dagegen ist eine Methode der Befreiung, jene unheimliche Virusmacht zu brechen. Im Laufe seine Lebens hat sich Burroughs mehr und mehr befreit. Er bekam seine Heroin-Sucht in den Griff und Ordnung in seine homosexuellen Affären. Dagegen zeigt ihn der "Naked Lunch"-Film als einen starren Charakter, bar jeder persönlichen Entwicklung. Zwar entspricht auch dies der Burroughschen Mythologie, in der seine Figuren allesamt fixe Charaktere darstellen, geht jedoch an der eigentlicher Philosophie des CutUps als Methode zur menschlichen Befreiung aus Zwängen und Konditionierungen vorbei. Das Verschneiden von Sätzen mit dem Ziel, gefügte Begriffsassoziationen und Stilmuster zu brechen, um einen Blick auf noch nicht fixierte Wirklichkeit freizulegen. In diesem Sinn funktioniert CutUp als Aufhebung der virtuellen Welt. Letztlich Ziel der Burroughschen Experimente: Aufhebung des Realitätsstudios und Überwindung der Sprache. Dagegen arbeitet der Film mit einem hermetischen Universum: die Burroughssche Mythologie wird zelebriert und entfaltet; ein Schwimmen zwischen dem nüchternen Blick auf die nackte Realität und den Drogen-Visionen findet statt, ohne die Ebenen jedoch so zu verschneiden, daß die gefügte Welt Risse bekommt, gar zerbricht. Vielmehr scheint der Rausch total. Das Versprechen der psychischen, inneren Befreiung durch die CutUp-Methode kommt im Film nicht vor. Eher wirkt Burroughs wie ein Gefangener der eigenen Phantasie, zwanghaft, fast gegen seinen Willen an die Schreibmaschine gefesselt. Keine Verheissung, kein Lichtblick, das trügerische Universum der penetranten Bilder und Gedanken je verlassen zu können.
Cronenbergs Film trägt dazu bei, Burroughs als Image, nicht als tatsächlich historische Figur zu vergesellschaften, gelöst von seinem theoretischen Background und seinen biographischen Spezialitäten. Barry Miles dazu: Seine Ideen sind zu Menschen gelangt, die niemals seine Bücher gelesen haben und für die er einfach eine Berühmtheit ist. (...) Die faszinierende Eigenschaft der Person Burroughs funktioniert wie eine Art Katalysator, der Dinge ins Rollen bringt, der andere inspiriert, Dinge anzugehen, obwohl er selbst es vorzieht, ein beschauliches Leben im Kreis handverlesener Freunde zu führen. Es ist die Idee Burroughs, die Anklang findet, nicht die Person; der populäre Burroughs, die Kult-Ikone, erreicht seine Leser auf dem Weg gedruckter und elektronischer Medien. - und dabei wird einiges verzerrt. Der verbohrte Burroughs-Fan, der seinen Helden mehr veehrt als versteht, besteht auf seiner verschrobenen Wahrnehmung - mit Hinweis auf die pathologisch kranke Gesellschaft, als entstünde so eine Art Patt-Situation.
Burroughs selbst dagegen versuchte stets über die eigene Mythologie hinauszugelangen: Die Hölle besteht darin, dem Feind in die Hände zu fallen, in die Hände der Virusmacht, und der Himmel besteht darin, sich dieser Macht zu entledigen, inneren Frieden zu erlangen, frei zu sein von jeglichen Konditionierungen. Ich möchte hinzufügen, daß keine der Gestalten in meiner Mythologie frei ist. Wären sie frei, würden sie nicht immer noch in dem mythologischen System verharren, das heißt, im Kreislauf konditionierten Handelns.
Thomas Nöske