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Ein Ende mit Ironie // Ironie am Ende
Der Versuch einer Phänomenologie der Ironie, die bis in die eigene Lebenserfahrung reichen soll. Übrigens eine interessante Analogie zu John Deweys Kunsttheorie, die ich zu der Zeit noch gar nicht kannte. Dummerweise kam Dewey fast 100 Jahre vor mir auf die Idee. Außerdem lasse ich meinem Ärger über Stephan Raab, Oliver Poche und die anderen neuen Trash-Comedias raus ...
"Am Anfang wollte ihn nicht einmal Viva. Vier Bewerbungen schickte Pocher in Richtung Musikfernsehen, viermal ohne Erfolg", berichtet Marcus Bäcker in der Berliner Zeitung über die erstaunliche Karriere des Oliver Pocher: "1998 trat er dann in einer nachmittäglichen Talkshow beim Privatfernsehen auf, Thema: ‚Du bist nicht witzig‘. Das Publikum im Studio fand, dass Pocher dem Gegenstand der Sendung vollauf gerecht wurde und buhte ihn aus. Die Hinterleute der Show entdeckten sein Talent, Pocher wurde als Publikumsanimateur engagiert" Fast zehn Jahre später ist der junge Mann etabliert: er darf zur ARD wechseln, als Partner von Komiker-Ass Harald Schmidt.
Bäcker zweifelt an den Erfolgschancen der Zusammenarbeit. Zwar gilt auch Schmidts Humor mitunter als absolut schmutzig und geschmacklos, gleichwohl ist er "gebildet, ein Künstler obendrein" und bearbeitete "als junger Mann feinfühlig die Kirchenorgel". Indes kann Bäcker an Oliver Pocher beim allerbesten Willen nichts komisches entdecken: "Hin und wieder hat Pocher einen Geistesblitz. Die meiste Zeit allerdings hangelt er sich von Sketch zu Sketch, Kalauer zu Kalauer, macht sich verbal über Franzosen, französische Toiletten und die Mainzelmännchen her und zieht am meisten Nektar aus den alltäglichen Desastern des privaten Fernsehens." – er fragt sich, was so einer bei Harald Schmidt soll?
Ironischerweise
ist ausgerechnet die bildungsbürgerliche Die ZEIT am wenigsten verlegen, Pochers besonderen Humor zu erklären: "In keiner Minute hat sein Humor eine melancholische oder radikale Dimension, nie geht es darum, im Gelächter einen Aberwitz zu fassen, etwas Unerträgliches zu bannen. Er lacht nicht hinauf, sondern hinab. Das ist kein Galgenhumor, sondern ein Gafferhumor, ein Schaulustigenglucksen. Pocher lacht das Gelächter der Zufriedenheit." Doch auch hierin liegt – sozusagen dialektisch verborgen – ein aufklärerischer Moment: "Der Dramatiker Arthur Miller hat geschrieben, das Rätsel des Deutschen bestünde in seiner ‚Veranlagung zur moralischen und psychischen Selbstaufgabe, im Angesicht einer Autorität‘. Man sieht Pocher in seinen Sälen, und man weiß, was Miller gemeint hat. Und man weiß: In unserem Gelächter hat es überlebt."Nicht das Pocher diesen dialektisch-gesellschaftskritischen Moment reflektiert oder gar gewollt hätte; doch sein Kollege Stephan Raab ist überzeugt, mit seinem idiotischen Klamauk das Fernsehen "sauberer" gemacht zu haben. "Manchen Wahnsinn haben wir zumindest transparent gemacht – und damit auch unmöglich", so Raab in einem Spiegel-Interview, anlässlich einer mehrstündigen Dauerübertragung seines Stock-Car-Rennens. Nun hat sich in gewisser Weise nicht nur der Trash, sondern auch diese Rechtfertigung als Ironie lange schon überholt. So als ob ein blöder Scheiß schon allein darum kein blöder Scheiß mehr sei, weil er mit dem Augenzwinkern der Ironie präsentiert wird. Mittlerweile können wir dieses ständige Augenzwinkern auch nicht mehr sehen. Spätestens in Robert Rodriguez B-Movie-Inszenierung "Planet Terror" wird deutlich: ein schlechter Film wird nicht dadurch besser, dass man hier und dort Szenen einbaut, die absichtlich schlecht sind; als ob sich auf dem Weg das wirklich Missglückte zum absichtlichsvoll Schlechten adeln ließe.
Allgemein gesprochen: Ironie kann Schund nicht zur Kunst drehen. – gleichwohl gab es mal eine Zeit, da Ironie tatsächlich befreiend erlebt wurde. Drehen wir die Uhr also um ein paar Jahre zurück. Das war Ende der 80er: eine Zeit der ernstgemeinten Absichten und des guten Willens, in der selbst Fernsehunterhaltung nicht nur so passierte, sondern mit bestimmten Absichten, und sich an den Idealen einer political correctness messen lassen musste, die damals noch nichts anrüchiges und spießiges an sich hatte. Ganz im Gegenteil: ein kritisches Bewußtsein für Gender-Problematik, Ethnozentrismen und andere versteckte Sigmatisierungsmechanismen galt damals durchaus als chic. Man stellte Ansprüche an die Unterhaltung, sogar ans Privatfernsehen. Zum Beispiel wurden Serien danach betrachtet, was für Rollenbilder sie transportieren, und eine Sendung, in der Frauen zum Beispiel im Haushalt aktiv waren und Männer die Aufgaben bewältigten, wurde im autonomen Sprachgebrauch dieser Epoche als "sexistisch" gebrandmarkt. Stattdessen bevorzugte man "linke" Superhelden, zum Beispiel Spiderman, dem seine eigene Integrität im Freundeskreis höher stand als das Vaterland oder andere, konservative Werte. Eine Serie wie "Raumschiff Voyager" lässt sich anders als durch diesen Kontext gar nicht erklären: der Kapitän ist eine Frau und mehr an der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Crew-Mitglieder interesseiert als am Erfolg der Mission, Außerirdischen begegnet man mit prinzipiell kooperativer Grundhaltung, und in Konfliktsituationen versuchen die Voyager-Leute kulturelle Differenzen mitzubedenken und den eigenen (irdischen) Standpunkt auch in ethischen Fragen nicht absolut zu setzen.
Man muss bedenken, dass Geschmacksfragen auch bezogen auf Pop und Kommerz-Kultur in den 70er bis 90er Jahren durchaus im Kontext der allgemeinen Wertediskurse standen, in denen zum Beispiel "Weltmusik" höher rangierte als "Schlagermusik", Problemfilme wichtiger schienen als Actionfilme etc. (Dabei ist aus heutiger Sicht, wieder ironischerweise, z.B. "Das China-Syndrom", in dem es um einen Unfall in einem Atomkraftwerk geht und wie die Betreiber ihn vertuschen wollen, eigentlich ein Actionfilm, weil er in seiner ganzen Dramaturgie und Ästhetik vollkommen konventionell gemacht ist! Nur eben mit einem Reizthema als Plot und Jane Fonda in der Rolle der Enthüllungsjournalistin ...) Diese Situation führte zu zweierlei Konsequenzen: die erste bestand darin, dass eine nachwachsende Generation die politisch korrekte Unterhaltungskultur, die sie nicht miterkämpft, sondern in die sie hineingewachsen war, als "Bäh!" erlebte. In einer dialektischen Werteverkehrung im Generationswechsel wurden ehemals hippe Bands wie "Bap" und "Bots" auf einmal doof, während Pop-Fuzzies wie "Falco" in wurden. Etwas später tauchten dann Leute wie Guildo Horn auf, die eine völlig kitschige Schlagermusik fabrizierten, die in manchen Kreisen zwar als Ironie wahrgenommen wurde, während Horn selber indes durchgängig beteuerte, sie durchaus ernst zu meinen. Dagegen wurden Künstlerinnen wie Marianne Rosenberg von der Schwulenszene und Heino von der Punkerszene adaptiert, also von einem Zielpublikum, auf das sie nie gezielt hatten, dessen begeisterten Applaus sie sich aber nicht versagen durften, und somit quasi zur Selbstironie gezwungen. Ich glaube, gerade der letzte Punkt wurde von den aktuelleren Medienkritikern der neuen Generation mehrfach durch- und wiedergekäut.
Die zweite Aspekt ist weniger auffällig, muss aber im Kontext der Ironie-Diskussion mitbedacht werden. Die political correctnes wurde nämlich nicht nur darum unhip, weil sie etwa moralinsauer und humorlos war, das war sie zwar außerdem; aber auch, weil ihre Symbolik von den Konzernen integriert und damit heuchlerisch wurde. Diesen Aspekt "vergessen" die liberalen Kritiker. Vielleicht machte Naomi Klein zuerst darauf aufmerksam, dass der Streit um die sozialen Werte in der Popkultur im hohen Maße ein Streit um Symbolpolitik war, während die harten Fragen woanders entschieden wurden. Mit bitterer Selbstironie weist Klein darauf hin: "Wir wussten, dass Fastfood-Ketten ihre Buden in den Bibliotheken aufmachten und sich Professoren in den anwendungsbezogenen Wissenschaften verdächtig gut mit verschiedenen Pharmakonzernen verstanden. Um jedoch herauszufinden, was genau sich in den Verwaltungsräten und Laboratorien abspielte, hätte man viel herumlaufen und recherchieren müssen. Wir aber waren offen gesagt zu beschäftigt. Wir stritten, ob im Komitee für rassische Gleichberechtigung am Frauenzentrum der Universität auch Juden Mitglied werden dürften und erregten uns, weil die Versammlung zu diesem Problem so terminiert war, dass gleichzeitig der Lesben- und Schwulenausschuss tagte – als ob es keine jüdischen Lesben und keine schwarzen Bisexuellen gäbe."
Diese Fixierung ihrer politischen Szene auf die Symbolpolitik, so Klein, ermöglichte gleichzeig die Übernahme der political correctnes durch die Wirtschaft: "In den später Neunzigerjahren ist der Verkaufsschlager weniger der Marlboro-Mann als vielmehr Ricky Martin – eine zweisprachige Mischung aus Nord und Süd, ein bisschen Latin, ein bißchen Rythm ’n‘ Blues, alles in globaler Partylyrik verfasst." Mit dieser zweiten Verwandlung, die Klein durch die griffige Formel: "Das Patriarchat wird Funky" charakterisiert, wird die political correctnes nicht nur unschick, sondern zugleich unwahr. Es entsteht die Satirische Figur des "Gutmenschen", eines Menschentyps, der vordergründig humanistisch anständig, sauber etc. bleiben möchte, während er hinter den Kulissen doch in allerlei schmutzige Geschäfte und andere Machenschaften verwickelt ist, im besten Falle jedenfalls keinen Deut besser als diejenigen Normalmenschen, die sich überhaupt nicht um Politik scheren und ganz selbstverständlich bei McDonalds essen und "Rambo"-Filme gucken. Gegen solches Gebaren tritt Ironie provokant auf, indem sie die Unwerte der Trashkultur offensiv gegen die heuchlerischen Werte der Gutmenschen setzt, und sich eben nicht dafür schämt, ostentativ Schlagerwettbewerbe zu bejubeln und Britney Spears zu mögen, weil diese Kommerzkultur in Wahrheit eben doch nicht schlechter ist als Ökofood und Wolf Biermann.
In diesen Zügen lag das Befreiende der Ironie, das vermutlich bereits einige Jahre vor der Jahrtausendwende, sagen wir ungefähr mit "Pulp Fiction" seinen Hohepunkt erreichte. Selbst in den Geisteswissenschaften findet sich ein Vertreter, Niklas Luhmann ist für die Philosophie was Harald Schmidt für die Hochkultur: eine schillernde Provokation, auf den ersten Blick oberflächlich platt und darum theoretisch scheinbar leicht zu widerlegen, auf den zweiten Blick aber voll Hintersinn zwischen den Parolen. Tatsächlich galten sie in der ersten Zeit als unerträglich, als Anfang vom Ende des Abendlandes, Beginn totalitärer Verblödung und Symptom stumpfsinniger Amoral. Dieses Vorurteil wurde nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil: aus heutiger Sicht haben sie tatsächlich was humanistisches, weil sie uns aus von den allzu plumpen Vorstellungen des richtigen und des falschen Lebens befreiten, das seit Adornos berühmten Spruch enormen idealistischen Druck ausübte, und zugleich auf die Gefahren einer totalen Verblödungsindustrie hinwiesen. Tarantino, Schmidt, Luhmann trafen den Punkt und schafften die Gradwanderung zwischen nihilistischer Werte-Kritik und Abfall in anspruchslose Beliebigkeit. Sie konnten aus Scheiße Kunst machen, weil sie noch eine Ahnung hatten - von der tragischen Existenz des Individuums in der Massenkultur, selbst wenn sie diese Wendung nicht ohne Ironie aussprechen würden; aber sie konnten über das Thema reflektieren, Harald Schmidt tat dies ausgiebig, Luhmann sowieso, aber auch Tarantino, der in der ZEIT über die Zeichen der wahren Liebe sinniert ...
Das übersehen Stephan Raab, Oliver Pocher und Robert Rodriguez, wenn sie sich heute als ihre Erben verstehen und versuchen, Ironie als manieristischen Trash oder trashige Manier fortzuschreiben. Damit will ich nicht sagen, dass Raab, Pocher und co. etwa dumm oder ungebildet seien. Ich glaube nur, sie sind zu spät an der Reihe: sie haben den zentralen Umschlagspunkt verpasst, an dem der Wechsel der Werte und Unwerte passierte. Sie sind, so dämlich es klingt, Epigonen der Ironie, selbst in der Kunst des Nachmachens nur Nachmacher. Kein Wunder, wenn Newcomer Oliver Pocher in seiner ersten Sendung gegenüber Altmeister Schmidt gewissermaßen "abstinkt", wie Ralf Mielke feststellt: "Pocher wirkt an der Seite von Schmidt passiv und harmlos." Es sieht tatsächlich so aus, als sei Ironie etwas, das man nicht kopieren, sondern immer nur neu erschaffen könne.
Denn Ironie, so lehrt uns Homer Simpson, ist eigentlich ein Adjektiv: es kann sich auf alles beziehen! Wenn sich Homer Simpson über Pädagogen, Intellektuelle, Ökologen und andere legitime oder nicht-legitime Autoritäten lustig macht, indem er sie nachäfft und ihren Ton einfach ein bißchen ins alberne überdreht, dann merkt man seine Art und Weise an, dass er im Kern gar nicht verstanden hat, worüber er sich eigentlich genau amüsiert. Das ist auch gar nicht nötig, denn zur plattesten Ironie reicht es aus, einfach die Worte des Gegenübers zu wiederholen und dabei ein blödes Gesicht zu machen. Kein Gedanke, keine Haltung, keine Person, die man nicht auf diese Weise ganz einfach ins Lächerliche ziehen könnte. Allerdings fällt diese simple Sorte von Ironie stets auf den Possenreißer zurück, der plötzlich selber als Vollidiot oder unaustehlicher Banause aus der Wäsche schaut.
Man kann den Sachverhalt aber auch andersherum interpretieren: Homer Simpson macht sich also über alles lustig und begreift nichts; man muss ihn als "unmündig" bezeichnen, und selbstverständlich wäre solch ein Volltrottel wie er, der nur auf oberflächliche Reize reagiert und jeden Fehler fünfmal begeht, in echt gar nicht überlebensfähig. Doch macht sich Homer Simpson auf diese Weise auch unnahbar – für seine Nachbarn, den Pfarrer, seinen Arbeitgeber oder die Lehrer seiner Kinder, die ihm mit pädagogischen Hinweisen kommen wollen, kurzum: alle Leute, die anstrengende Ansprüche und Erwartungen an seine Vernunft, Hilfsbereitschaft, moralische Integrität etc. stellen wollen. Dabei wird zwischen berechtigt und unberechtigt, vernünftig und unvernünftig, gut gemeint und schlecht gemeint nichtmal im Ansatz unterschieden: alles gleitet gleichermaßen an ihm ab. Ironie verhält sich allen Inhalten gegenüber indifferent. Und genau in diesem Punkt liegt natürlich auch ein Reiz, den solche Leute wie Schmidt, Raab, Pocher etc. haben: in der scheinbaren Beliebigkeit ihres Spotts, sich ziellos über dieses oder jenes herzumachen, was gerade da ist, liegt tatsächlich auch etwas Vornehmes, wenn wir "vornehm" mit Nietzsche definieren als eine gleichbleibende, indifferente Distanz allen irdischen, tagespolitischen Angelegenheiten gegenüber. Wem diese Parallele sonderbar erscheint, sollte bedenken, dass es in allen Epochen nicht nur gebildete, sondern auch vertrottelte Aristokraten gab, oder an Marie-Antoinettes berühmte Ignoranz: "Wenn die Armen kein Brot haben, warum essen sie dann nicht einfach Kuchen?"
Zum Merkmal der "Indifferenz" gesellt sich ein zweites, das der "Geschmeidigkeit": Ironie ist nicht nur universal einsetzbar, sie kann sich ihrem Gegenstand auch sanft anschmiegen wie eine zweite Haut. Dass sie häufig eher laut und grob auftritt, ist nur ein Spezialfall. Tatsächlich kann sie ebensogut dünn werden wie Luft, in die Poren einer Haut sickern oder sich wie eine Creme über einen Grashalm legen. Typisch zu nennen für diese "sanfte" Ironie sind die deutschen Filme "23", "Alle haben Knut" oder "Am Tag, als Bobby Ewing starb", die in den letzten Jahren entstanden sind, aber Typen und Millieus aus den 80er Jahren nachstellen; zwar spielt der eine Film im Autonomen-Millieu, einer auf einem Ökohof und handelt der dritte von Computerhackern; indes haben alle drei miteinander gemein, dass sie ihre vergangenen Welten mit einer solchen Freude an der akribischen Imitation inszenieren, dass man sich schon über den Jargon und die Jeansjacken mit Flokatikragen kugeln möchte. Auch wenn‘s nicht so aussieht, ist der Unterschied zwischen diesen fanatischen Adaptionen, die auf eine höchst amüsante Weise originaler als das Original seien wollen, und Pochers und Raabs brachialer Holzhammer-Ironie nur graduell, nicht grundsätzlich. Beide arbeiten mit einer besonderen Betonung des Ausdrucks gegenüber dem Inhalt, die einen etwas härter, die anderen etwas softer, aber das ist die allgemeine Definition für Ironie.
John Dewey erläutert das Prinzip an einem sehr schönen Beispiel: "Im komischen Theater ist die Darstellung von Trunkenheit eine allgemeine Devise. Doch einer, der tatsächlich betrunken ist, müßte Kunstfertigkeit aufbringen, um seinen Zustand zu verbergen, will er seine Zuschauer nicht empören oder zumindest kein Gelächter ernten, dass sich von dem durch gespielte Trunkenheit hervorgerufenem Gelächter radikal unterscheidet." – Dewey betont, dass es sich hierbei nicht etwa um einen Unterschied von gespieltem und realem Zustand handele, sondern um einen Unterschied in der Methodik, sagen wir: zwischen einer ironischem und einer empathischen Schauspieltechnik.
Ich möchte einen etwas gewagten Gedankensprung wagen und die These aufstellen, dass just diese Eignung für Ironie das Veralten einer kulturellen Form ankündigt. Kurz bevor eine Erscheinung stirbt, wird sie ironisch. Einmal in dem platten Sinn, dass sie im Zustand ihrer Erschlaffung eine leichte Beute abgibt: so spotten die schlechten Kabarettisten noch immer über den Papst, der doch schon lange kein Gegner mehr ist. Aber das ist schon über zuviele Ecken erklärt. Ich meine es noch direkter: zum zweiten nämlich, dass die alternden Dinge selbst einen ironischen Charakter annehmen. Am deutlichsten erkennt man es am Beispiel alter Menschen, deren abschreckenden, liebenswerten, eigentümlichen etc. Charakterzüge dann, wenn sie langsam vergreisen, mit der Zeit immer ausdrucksstärker - und in diesem Sinne ironisch werden. Selbst die Befehle und Wutausbrüche des gefürchtetsten Haustyranns werden komisch, wenn er vergreist: man muss vor ihm keine Angst mehr haben, sondern kann über ihn lachen, ja man muss es sogar, weil seine nun hilflosen, übersteigerten Aktivitäten plötzlich grotesk wirken. Und dann reicht nur ein ganz leichtes Wort oder Fingertippen, um ihm vom Familienthron zu stürzen. Diese Erfahrung des Umschlagens vom Magischen ins Absurde ist eine natürliche Erfahrung, in den biologischen Lebensprozessen des Generationswandels angelegt, die Alten gehen, die Jungen übernehmen den Stamm, und das begleitende Gefühl der Befreiung findet im Lachen der Groteske seinen Ausdruck.
Doch darauf angemessen zu reagieren, ist eine Kunst. Man muss rechtzeitig sehen, welche der zahlreichen Formen gerade im Begriff des Absterbens sich befinden; auch Totgeburten müssen identifiziert werden. Wirklich gute Ironie ist nur möglich, wenn die zu ironisierende Form den Gipfel ihres Lebenszyklus gerade überschritten hat. Versucht sie sich dagegen an etwas bereits lange schon totem, hat sie was von Leichenfledderei, wie das bereits erwähnte öde Geläster über die Kirche; aber auch am noch allzu lebendigen sollte sie sich nicht vergreifen, weil sie sich sonst buchstäblich die Zähne ausbeißt: ironischerweise spürt man die Aktualität der marxistischen oder sozialistischen Hoffnungen nicht etwa an den neuen linken Politikern, die tatsächlich aufgeblasen populistisch wirken, sondern ausgerechnet an den missglückten Versuchen der CDU und FDP-Polititiker, sich über sie lustig zu machen. Und selbstverständlich sollte sie auch keine "Sofakissen zerfetzen", also ironisch auf Marginalien losgehen, auf irgendeinen skurillen Hundezüchterverein etwa, denn das wirkt erst recht doof. Man sollte die Ironie sozusagen auch nicht für Windmühlen verschwenden.
Ich fasse zusammen: zwar lässt sich das Stilmittel der Ironie im Prinzip auf alle Themen und in allen Schattierungen anwenden; richtig zur Geltung kommt sie aber nur dann, wenn sie auf Formen gerichtet ist, die ihre Zenit überschritten haben und sich auf dem Weg des Absterbens befinden. Der Ironiker mag – frei nach Nietzsches "Was fällt, das soll man stoßen" – freilich noch etwas nachhelfen; doch kann er sich nicht selber zum Herren über Autorität und Spott aufschwingen. Er muss sensibel sein und die Themen finden, an denen er sich abarbeiten kann. Wenn er sich vergreift und sich in ein Objekt in der Blüte seiner Jahre, bereits zu lange schon Totes oder Irrelevantes verbeißt, steht er selbst als Trottel dar. Das Gefühl für die richtige Zeit und den richtigen Ort ist für den Ironiker maßgeblich. Konkreter formuliert, wenn wir eine dialektische Entwicklungstheorie zugrundelegen: der Ironiker muss in der Lage sein, das Stadium der Phänomene zu erkennen und den Augenblick ihres dialektischen Umschlagens rechtzeitig vorauszusehen. Werte und Lebensstile, politische Systeme, Kunstrichtungen oder religiöse Überzeugungen werden von ihm beobachtet wie eine Frucht, die zuerst hart und grün ist, dann rot, gelb und saftig wird und schließlich braun oder blau verfault. Es geht sozusagen um ein Gespür für den natürlichen Prozess von Keim, Blüte und Zerfall menschlicher und sozialer Phänomene.
Von Herbert Laschet habe ich die Anregung, diese umwälzende Funktion der Ironie nicht nur auf die zeitgenössische TV-Unterhaltung zu beziehen sondern auch auf Ereignisse von welthistorischem Rang: die russische Revolution 1917. Hel schreibt: "Trotzki / Lenin haben punktgenau drangedreht, halb absichtsvoll, halb aus versehen." Lenin selbst schrieb: "Gestern war es zu früh, morgen ist es zu spät, heute muss man die Macht ergreifen." Sebastian Haffner zeigt seinen Sinn für die Dialektik der Ironie, wenn er über die Unterstützung Lenins durch das deutsche Reich schreibt: "Eine eigentümliche Partnerschaft, in der jeder der beiden Partner den anderen verachtete und für seine Zwecke auszubeuten glaubte – nein, wirklich ausbeutete; in der jeder die Denkweise des anderen teils teuflisch, teils närrisch fand und die Ziele und Absichten des anderen nicht recht ernst nehmen konnte; und in der gerade deswegen jeder, ohne sich etwas zu vergeben oder sich zum Agenten des anderen zu machen, alles, was dem anderen wichtig war, ohne weiteres zugestehen konnte, weil es ja in seinen Augen so töricht und wertlos war wie die Glasperlen, mit denen die weißen Händler des Entdeckungszeitalters armen, einfältigen Eingeborenen ihre Schätze abkauften."
Aber auch wenn wir weniger wuchtig in die Tasten greifen, lassen sich Parallelen zwischen einer dialektischen Entwicklungslogik und dem Auftreten von Ironie entdecken. Ich meine den Bereich unserer subjektiven Lebenserfahrung. Wenn sich in unserem Lebensweg etwas qualitativ ändert, merken wir dies zuerst daran, dass wir bestimmte Dinge, die uns bislang höchst existentiell erschienen, plötzlich ironisch sehen. Die neue Sicht zeigt sich in der Überraschung: "Na sowas! Die Ambivalenz der Dinge stört mich nicht mehr, ich muss mich an den Widersprüchen nicht mehr aufreiben. Ich kann damit umgehen, ohne schizophren zu werden. Ich bewege mich sogar zwischen den Widersprüchen, ohne mich zu verbiegen, zu stressen oder sonstwie zu quälen, es tut nicht mehr weh."