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Die Dialektik der Hitler-Komödien

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 22.04.2007 16:03

Hier geht es um Dani Levys Film "Heil mein Führer", den ich direkt mit Mel Brooks "The Producers" vergleiche. Die Frage lautet nicht: darf man über Hitler lachen?, sondern eher: welcher der beiden Filme ist lustiger?

Die erste Deutsche Hitler-Komödie: "Heil, mein Führer" von Dani Levy hat mal wieder eine Debatte in den Feuilletons angestoßen: darf man über Hitler lachen? - die Frage ist nicht ganz richtig gestellt, denn lachen dürfen darf man eigentlich immer, meine ich; guter Humor hat schließlich immer einen philosophischen, befreienden Moment. Daher die Frage eher: kann man über Hitler lachen im Allgemeinen, und im Besonderen: ist Dani Levys Hitler-Komödie wirklich komisch? – nun ja: wir werden sehen!

Schon beim Anblick von Eichingers "Untergang"-Film fiel auf, dass die deutsche Verarbeitung der Nazi-Vergangenheit in Formen der Kunst oder Unterhaltung noch in den Kinderschuhen steckt. Das amerikanische Hollywoodkino verwendet Nazi-Gestalten in Abenteuer oder Action-Filmen wie "Hellboy", oder "Jäger des verlorenen Schatzes" schon lange. Wir Deutsche dagegen sind noch befangen, wollen die Aufarbeitung der Vergangenheit ernsthaft betreiben, mit den Mittel der historischen und soziologischen Wissenschaften, der Aufklärung und Dokumentation; darin sind wir gut! Aber ein Comic, eine Komödie über Hitler – meine Güte, das geht noch lange gar nicht. Darum ist Levys Versuch zunächst willkommen, die zweite Frage lautet jedoch, ob er gelungen ist. Und da äußert man sich eher vorsichtig: zumindest ist der Film nicht missglückt, aber wirklich gelungen eigentlich auch nicht. Er ist bestenfalls ein Prototyp oder ein Pretest. Genau genommen habe ich nur zweimal leicht gelacht, einmal über die phantastischen Ruinen des zerstörten Berlins, nur noch Mauerstümpfe in der Wüste und als einzig stehengebliebenes Gebäude die Reichskanzlei. Dann als Helge Schneider als Hitler seinen Goebbels nachäfft. Die restlichen Witze finde ich naheliegend, alt oder lau, aber wenigstens nicht peinlich. Und das ist gar nicht wenig! Es gibt viele peinliche Komödien, auch wenn sie nicht von Hitler handeln.

Es hängt viel an dem zugestandenen Schwierigkeitsgrad: eine Liebeskomödie, eine Kriminalkomödie ist wohl am leichtetsten; eine Hitler-Komödie schon etwas schwerer, dann aber noch eine deutsche Hitler-Komödie, das ist richtig schwer! Dani Levy hat sich also viel vorgenommen. Wie beim Eiskunstlauf sollte dieser hohe Schwierigkeitsgrad bei der Endnote berücksichtigt werden. Eine akzeptable deutsche Hitler-Komödie ist so gut wie eine hervorragende Edgar-Wallace Krimikomödie. Gleichwohl besteht die Gefahr, das Projekt als reine Problem-Lösungs-Aufgabe zu behandeln: man stelle sich vor, ein Akrobat solle auf einem Einrad über ein Seil fahren, auf seinem Kopf ein Glas Wasser balancieren und gleichzeitig auf der Geige spielen; das kann klappen, aber weder sein Einradfahren oder sein Geigespiel werden uns sonderlich verzücken. In einem – passenderweise - jüdischen Witz kommentiert ein Zuschauer eine solche Darbietung mit den Worten: "Menuhin ist er keiner!" Und so verhält es sich eben auch mit Meister Levy, in diesem Sinn müsste man zu ihm sagen: "Nun ja, Lubitsch ist er keiner!"

Der SPEGEL nennt das "Mit angezogener Handbremse fahren": Levy konnte keinen wirklich ausgelassenen Humor kultivieren, weil er noch zu sehr damit beschäftigt war, Fettnäpfchen und schlimmere Gefahren zu vermeiden, z.B. die Gefahr, Hitler zu verniedlichen, das jüdische Leid runterzuspielen, die psychologische Dimension zu vernachlässigen etc. Und man muss es ihm positiv anrechnen, all diese Gefahren vermieden zu haben; darum ist der Film eben nicht peinlich. Allerdings blieben ihm danach keine Kräfte mehr übrig, etwas wirklich komisches zu erschaffen; darum ist der Film eben auch nicht wirklich gut. Der Spiegel und andere Zeitungen und Zeitschriften meinen nun, es sei eben diese Umsicht, bloß keine Fehler zu machen, die den Witz des Films blockiere. So als hätte Levy einfach nur etwas mutiger und rücksichtsloser sein müssen. Das glaube ich allerdings nicht. Richtig ist vielmehr, dass auch die amerikanischen Hitler-Komödien umsichtig sind; aber die Umsicht fällt ihnen, da sie weniger betroffen und damit befangen sind, offensichtlich leichter.

Wenn man sich z.B. Mel Brooks "The Producers" unter dieser Perspektive betrachtet, stellt man fest, dass er in der gleichen systematischen Weise Gefahren vermeidet wie Levy. Auch er räumt in seinem Film der Reihe nach alle Missverständnisse aus, die eine Hitler-Komödie im ungünstigsten Fall provozieren kann. "The Producers" handelt bekanntlich von zwei Musical-Produzenten, die ausrechnen, dass sie mit gerissener Buchführung aus einem Flopp viel Geld schlagen können und darum absichtlich einen Misserfolg anstreben. Also suchen sie nach dem schlechtesten Buch, dem schlechtesten Regisseur, den schlechtesten Schauspielern, und fabrizieren am Ende ein völlig tuntenhaft, skurill überdrehtes Hitler-Musical, dass jedoch wider Erwarten beim Publikum rasende Begeisterung auslöst. Da tritt also ein Hitler wie ein Schmierenkomödiant auf die Bühne, umgeben von lauter Flitter, Glimmer und Glitter und sexy Frauen mit grandios langen Beinen in Panzerkostümen, und das Publikum wird von den Sitzen gerissen und jubelt wie besessen. Das ist brachial, das ist zweifellos dick aufgetragen, aber so genial konstruiert, das es tatsächlich funktioniert!

Denn Dank der "Musical-im-Musical"-Konstruktion gelingt es Brooks, einige Gefahren für Missverständnisse systematisch auszuschalten: Zuerst das Missverständnis, man könne sich etwa aus Vergnügen dem Nationalsozialismus widmen – die Produzenten winden sich beim Lesen der Skripte -, dann das Missverständnis, der Stoff besitze eine eigene Faszination, die jemanden begeistern könne – sein Autor ist ein stupider Militarist -, dann das Missverständnis, Hitler habe echtes Charisma – die Figur lebt auf der Bühne nur durch die tuntige, heillos überdrehte und unfreiwillig komische Inszenierung des Schauspielers etc. Kurzum: auch Mel Brooks vermeidet in seinem Film die Gefahren, die ein solcher Stoff naturgemäß birgt, und er vermeidet sie mit einer sozusagen deutschen Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit.

Der Unterschied zwischen seiner wirklich herrlich durchgeknallten Komödie und Levys eher verzagtem Versuch, liegt nicht in der fehlenden Umsicht oder gar in einem Mangel an Sensibilität für die komplexe Problematik des Stoffs. Der Unterschied liegt darin, dass Brooks die schwierige Aufgabe einfach besser löst als Levy. Doch tut er dies nicht etwa, um noch mal auf das obige Bild des Akrobaten zurückzukommen, indem er besser Geige spiele oder das Glas auf dem Kopf eleganter balanciere, sondern einfach indem er die einzelnen Elemente geschickter anordnet: vielleicht nimmt er die Geige in den Mund und trinkt das Glas vorher leer, bevor er es auf dem Kopf platziert, und transportiert das Wasser mithin im Bauch über das Seil ...

Sein erster Kunstgriff liegt freilich in der Konstruktion des Spiels-im-Spiel: dadurch schafft er sich den Freiraum, ein hemmungslos überdrehtes Hitler-Musical zu inszenieren, indem er es durch die Rahmen-Handlung gleichzeitig lächerlich macht: die Produzenten tun wirklich alles, damit es floppt! Dennoch wartet der echte Filmzuschauer natürlich gespannt auf diese Parodie eines Musicals im Musical: natürlich will er sehen, wie abgründig schlecht es geworden ist, und natürlich ist er auch neugierig, scharf und lüstern auf den Nazi-Trash. Zweifellos ist das Hitler-Musical im Musical der Höhepunkt des Films! Aber das ist erlaubt und funktioniert nur, weil Brooks eine Pointe noch draufsetzt: das Publikum in dem Musical ist begeistert über die Parodie des Musicals! Es geht also nicht nur darum, Hitler zu sehen, sondern auch um die Frage, klappt der Plan der Produzenten: schaffen sie es, durch einen Flopp reich zu werden? Natürlich schaffen sie es nicht: der Erfolg des Musicals bedeutet eigentlich ihren Misserfolg, der skurille Höhepunkt ist sozusagen formal tragisch gerahmt, die Produzenten schlagen die Hände überm Kopf zusammen. Und dieser paradoxe Kniff in dem Film, sein eigenes Finale als Nepp und Scheitern zu präsentieren, gibt Brooks die Freiheit, Hitler hemmungslos zu verblödeln; ja, er verlangt es geradezu: Brooks erteilt sich sozusagen selbst den Auftrag, etwas völlig geschmackloses zu fabrizieren; wobei natürlich der Raum dieses Musicals im Musical begrenzt bleiben muss, nur ein paar kurze Minuten, sonst würde selbst diese Konstruktion unglaubwürdig erscheinen.

Das ist so einfach wie raffiniert, sozusagen das Ei des Kolumbus der Hitler-Komödien. Und eben eine solche brillant-simple Lösung des Dilemmas ist Levy leider nicht zugefallen. Obwohl auch seine Grundkonstruktion so dumm nicht ist. In seinem Film ist Hitler ausgebrannt und deprimiert, er braucht einen Schauspiel-Lehrer, der ihn für seine letzte, große, flammende Rede vorbereitet; der beste ist allerdings der jüdische Schauspieler Grünbaum, der sich im KZ befindet. Also lässt Goebbels ihn holen, damit er Hitler trainiere. Die Grundidee besteht darin, dass Grünbaum mit Hitler verschiedene Übungen zur Selbsterfahrung macht, in denen Hitler sein wahres, verborgenes Ich zeigt, dass – ganz im Sinne psychoanalytischer Deutungen des Faschismus – ihn als armes Würstchen outet. Hitler empfindet diese Therapie als wohltuend, endlich mal Gefühle zuzulassen, die er gegenüber Goebbels und Himmler stets verdrängen muss, und vertraut sich "seinem Juden" mehr und mehr an, bis er sogar zu Grünbaum und dessen Familie ins Ehebett kriecht. Eine durchaus kluge Konstruktion mit Potential; allerdings eine, die für sich allein noch nicht steht, sondern sozusagen an den Rändern zusätzlich abgestützt werden muss. Sie wirft zuviele Fragen auf, die durch zusätzliche Rahmen-Handlungen beantwortet werden müssen: warum lässt sich Grünbaum darauf ein, warum stellt er keine eigenen Forderung, wie weit kann er seine Machtposition ausnutzen, was sagt seine Familie dazu etc.? Warum vertraut Goebbels ihm, wie weit lässt er ihm freie Hand im Umgang mit Hitler, wie kann er sich Hitler nähern etc.?

Es kann ja nicht ohne Weiteres einfach so sein, dass Grünbaum gegenüber einem plötzlich verletzt auftretenden Hitler weich wird und seine Hassgefühle und Rachebedürfnisse vergisst, so wenig wie sich Hitler vom Unmenschen zum bloßen Opfer wandelt. Also muss Levy um seinen Kernkonflikt weitere Handlungselemente herumkonstruieren. Das muss auch Brooks, der ja ebenfalls eine akzeptable Erklärung für die Motivation zum Hitler-Musicals finden muss; doch fällt ihm die Trennung von eigentlichem Plot und Rahmenerklärungen leichter, weil er ja durch seine Spiel-im-Spiel-Konstruktion bereits die beiden Erzählebenen sauber getrennt hat. Eine vergleichbare Ebenen-Trennung findet sich zwar auch bei Levy, da die Schlüsselszenen zwischen Hitler und Grünbaum im Büro des Führers spielen, die anderen mithin auch räumlich außenherum; auch bei Levy existiert also eine Art Spiel im Spiel: Hitler auf dem Selbsterfahrungstrip! Das wäre der abgesteckte Bannkreis für Helge Schneiders Performance, hier müsste er ausrasten und gefährlich rumwüten, in die Luft stoßen und knurren und bellen, Purzelbäume schlagen, euphorisch jubellieren á la Nina Hagen und wieder in Tränen zusammenbrechen und sich vor Angst in die Hosen scheißen etc. etc. Der Rest des Films diente der Rahmung dieses Spielfeldes, der Absicherung der Performance.

Brooks hat sein Spielfeld so gut abgesichert, dass er innerhalb des gesteckten Rahmens herrlich ausflippen und überdrehen darf, ja sich selbst dazu geradezu herausfordert. Das Fundament seiner Bühne ist sozusagen solide betoniert, also kann er auf ihr Trampeln wie ein Besoffener, schließlich will er das schlechteste Musical der Welt präsentieren! Das kann Levy freilich nicht: seine Konstruktion ist in jedem Zweifel feinsinniger und intellektualistischer, damit aber auch anfälliger für Erschütterungen. Einen Hitler mit Federboa im Tuntenlook verkraftet sein Szenario nicht. Er muss die psychoanalytischen Modelle vom schwachen Ich des Tyrannen, der in der Kindheit von einem strengen Vater missachtet wurde, zitieren, weil Hitlers Selbstentblößung sonst keinen Sinn mächte. "Die Inspiration zu seinem Drehbuch hat Levy von Alice Miller, die in Am Anfang war Erziehung den Einfluss von Hitlers unglücklicher Persönlichkeit untersucht hat. Am Anfang war Erziehung ist nicht gerade ein komisches Buch", schreibt Harald Martenstein in "Der Zeit".

Jede gute Komödie braucht beide Seiten: Komik und Tragik. - Weil Hitler nun nicht richtig komisch sein kann, kann Grünbaum auf der andren Seite nicht wirklich tragisch sein. Wenn Grünbaum Hitler gewähren lässt, wirkt er unglaubwürdig. Wenn er jedoch die Situation ausnutzt und Hitler auf allen Vieren kriechen und wie einen Hund bellen lässt, wirkt seine Rache jämmerlich. So kommt es, dass Hitler, der eigentlich komisch wirken sollte, am Ende tragisch erscheint, während Grünbaum, die eigentlich tragische Gestalt, unfreiwillig komisch wirkt, und das funktioniert natürlich gar nicht. Es wäre also notwendig, an dem Film ein paar Umbaumaßnahmen vorzunehmen. Folgendes schlage ich vor.

Zunächst einmal müsste man Helge Schneider in der Hitler-Rolle den Freiraum verschaffen, wirklich ausflippen zu können und all die verrückten Dinge zu tun, die einem beim Thema schwächlicher Tyrann, größenwahnsinniger Idiot, gefährlicher Irrer etc. einfallen. Darum würde ich seine Darstellung von allen Anforderungen nach Erklärung befreien. Seine unangenehme Kindheit muss uns Hitler nicht direkt enthüllen, sondern könnte auch in Form von Rückblenden gezeigt werden: das kleinbürgerliche Millieu im Wien um 1900, der Vater ein kleinbürgerlicher Beamter, der vor den jüdischen Großbürgern kuscht; später wird Hitler als hoffnungsfrohes Malertalent von garstigen Kunstprofessoren aus der Akademie gescheucht und streunt durch die Gossen der Stadt. Da es hier weniger um historische Personen, sondern Millieus geht, könnte man hier gnadenlos übertreiben, ohne lächerlich zu werden; mir schweben Bilder wie die exaltierten Grimassen aus Roman Polanskies "Oliver Twist" vor, Männer mit Zigarren und Zylindern wie aus alten Kapitalistenkarikaturen, Lehrer mit Monokel und steifen Anzügen wie Dr. Rath im "Blauen Engel" – vielleicht der olle Witz aus dem Cartoon, in dem der Boss seinen Abteilungsleiter ausschimpft, und der Abteilungsleiter daraufhin den Angestellten, der Angestellte seine Frau, die Frau ihren Sohn ... und der Sohn? – der tritt dann seinen Hund! - Und die Straßen voller Revolutionäre und Monarchisten, die turbulenten 20er Jahre, der Kampf der Weltanschauungen, wo sich in jeder Kellerkneipe irgendwelche kruden Cliquen über ihre Heilslehren ereifern und die Weltherrschaft anstreben. Außerdem würden die psychoanalytischen Erklärungsmodelle der Tyrannen-Persönlichkeit freilich noch mitparodiert: auf dem Schulhof wird der junge Hitler von einem reichen Juden verspottet, weil er keine Adler, Kuppeln und Kreuze zeichnen kann.

Sie würden auch die Szenen Hitlers in der Therapie mit Grünbaum von dem Druck entlasten, Erklärungen abzugeben, und Helge Schneider könnte sich hier ganz der Performance einer gebrochenen und ungeliebten Gestalt hingeben, die nur in der Agitation zur Höchstform auffährt. Da der Zuschauer gleichzeitig mehr von Hitler versteht, darf Grünbaum weniger von ihm verstehen. Er könnte sich stärker seinem eigenen Konflikt widmen, dem Mitleid mit dem Aggressor. Er weiss natürlich, dass Hitler sein Feind und ein Schwein ist, und kommt ihm gleichzeitig näher als seine vermeintlichen Freunde, bis er schließlich sein engster Vertrauter wird, der Einzige, der ihn wirklich versteht. Auch daraus lässt sich zwar komisches Kapital schlagen, ich aber würde Grünbaum zur tragischen Figur machen!

Ich schlage folgendes vor: Grünbaum müsste sich in einem Konflikt aus Mitleid und Hass verstricken, einerseits Hitler töten zu wollen, andrerseits ihn zu verstehen, und dieser Konflikt müsste ihn letztlich daran hindern, das einzig richtige zu tun: nämlich ihn zu töten. Denn eigentlich müsste er ihn töten, nur das wäre menschlich nachvollziehbar und moralisch korrekt, schließlich ist Tyrannenmord in allen Kulturen erlaubt. Aber just das vermag er nicht: einmal holt er schon zum Schlag aus, da überkommt ihn das Mitleid, und er hält inne. Anders als im normalen Leben, ist hier also Grünbaums Mitleid sein Makel, und darin liegt freilich eine ungeheure Tragik, am eigenen Mitleid zu scheitern. Denn sagte nicht schon Nietzsche, Gott sei an seinem Mitleid mit den Menschen gestorben?

Levys Film endet indes so, dass sich Grünbaum schließlich doch gegen den Führer wendet, allerdings nur in einem eher harmlosen symbolischen Akt, indem er seine Rede verfälscht, was Grünbaum dennoch das Leben kostet. Ein höchst unbefriedigendes Ende! Ich würde dagegen folgendes machen: Grünbaum hat die Gelegenheit, Hitler zu töten und damit dem gesamten Nazi-Spuk ein Ende zu bereiten, aber aus Mitleid unterlässt er es; stattdessen verhilft er ihm zur alten Form zurück. Hitler hält seine letzte, große Rede, leitet den Volkssturm ein, der weiteren tausend Menschen das Leben kostet, und Grünbaum und seine Familie werden ins KZ zurück verfrachtet. Grünbaum wäre damit an seinem Mitleid gescheitert und somit eine wirklich tragische Figur: warum tötet er Hitler nicht? - das wäre doch absolut legitim und erlaubt! Eigentlich erwarten wir es alle von ihm! Doch er unterdrückt sein Bedürfnis für das Mitleid, während Hitlers unterdrücktes Leiden sich in tyrannischer Gewalt äußert. Die Rollen wären gleichsam vertauscht, meiner Ansicht nach aber so rum richtiger: Hitlers Rolle grausam und pervers, aber auch grotesk, schrill, absurd und lächerlich; Grünbaums Rolle tragisch und traurig, aber auch ernst, edel und konfliktreich.