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Meditation über Aliens
Als Kind verwirrte mich der Begriff des Holzfreien Papiers, denn ich verstand den Unterschied nicht und stellte mir holzhaltiges Papier entsprechend mit poröser Maserung, Astlöchern, Resten von Rinde und kleinen, einzelnen Zweigen zwischen den Seiten vor.
Glücklicherweise fanden die Projektbesprechungen nur noch dienstags und donnerstags statt, so Christopher Ecker in seinem satirischen Science-Fiction-Roman "Sulewskies Tag": Außerirdische landen auf den Marktplätzen diverser Großstädte, um vor ihren Raketen Stände aufzubauen und rätselhafte, ja vollkommen unsinnige Gegenstände feilzubieten. Diesen Sommer verkauften die Bghrt (Name der Außerirdischen; Th.N.) zwei neue "Produkte": einen kleinen schwarzen "Stein", der summte, wenn man ihn ans Ohr hielt, und einen rostigen "Metallstab" (?), der ein trockenes Husten von sich gab und bisweilen einen Tropfen absonderte, der die Konsistenz von Bienenwachs hatte und nach frischem Seetang roch.- witzigerweise richten die Preise dieser Gegenstände sich nach der Uhrzeit: um neun Uhr fünfunddreißg kosten sie neun Mark fünfundreißig etc. - "Die Sapir-Whorf-Hypothese besagt nichts weiter, als daß jede Sprache ihr eigenes Weltbild hat", erklärt ein Wissenschaftler zur Erforschung. Was schließt man zum Beispiel daraus, daß die Italiener viel mehr Worte für Taschendiebstahl haben als wir Deutschen? (...) Lassen sie mich fortfahren. Ich will hier niemanden beleidigen oder jemanden zu nahe treten. Worauf ich hinauswill ist folgender Punkt: Die Bhgrt haben offenbar Hunderte von Ausdrücken für 'Scherz' und 'Streich', für Wörter aus diesem Wortfeld. Verstehen Sie?" - aber nein, freilich versteht niemand die Substanz des Gedankens. Die Menschen tapsen weiterhin wie besoffen um die Bhgrt herum und lassen sich von ihnen auf den Arm nehmen. Worüber machen sich die Bhgrt denn eigentlich lustig? Wogegen richtet sich ihr Spott? Spotten sie unserem Verhalten und unserer Kultur auf öffentlichen Märkten, geht es gar gegen die Marktwirtschaft im allgemeinen? Geht es über unsere menschliche Arbeit, praktische und unpraktische Gegenstände herzustellen? Es ist alles gleich. Sulewski selber ist es, der am Ende von Eckers Roman ausklingt: "Kuckuck!" Sulewski zerrte die Unterhose über seine hüpfenden Beine und kickte sie Ellguth ins Gesicht. "Bss! Bss! Bss!": seine Hände beklatschten den spitzen Bauch, und plötzlich sprang er in einen unmöglichen Kopfstand. Das gab endgültig den Ausschlag. Die Bhgrt rissen sich ihre Bulser von den Schultern und warfen sie sich gegenseitig an den Kopf. – so endet Eckers vergnüglicher SF-Roman mit einer Art albernen Zen-Pointe.
Dada ist nützlich wie alles im Leben.
Aber Dada ist doch gar nicht nützlich! Jedenfalls nicht so klar und ersichtlich wie zum Beispiel ein Fahrrad. Nun gibt es freilich Menschen, die meinen, in und aus Allem noch einen Sinn erkennen zu können. Sogar im Tod eines geliebten Menschen oder anderen schlimmen Schicksalsschlägen, erkennen sie Sinn. Solche Menschen nennen wir religiös. Luhmann: Stelle jeder Erfahrung einen positiven Sinn gegenüber, und du kommunizierst im System der Religion. Nun ist allerdings "Sinn" noch etwas anderes als "Nützlichkeit", und wenn der Spruch lautet: Dada ist nützlich wie alles im Leben, so wird der populäre und gängige Gedanke, Alles im Leben habe einen Sinn, wohl veräppelt. Das Nützlichkeitsdenken schlägt über die Stränge.Ein Schraubenzieher, eine Kaffeemaschine, ein Klappfenster, ein Schuhregal... sind nützlich. Was aber soll das nützliche an Dada sein? Doch nicht etwa, daß seine Plakate und Parolen uns mit Widersprüchen konfrontieren, die keinen Sinn ergeben, unser landläufiges Verständnis für "Sinn" und "Zweck" in Frage stellen und uns so zum Selberdenken auffordern? Daß er uns auf die Grenzen unserer kulturell gefügten Verständnisfähigkeit hinweist? Daß er uns, wie Nietzsches Zarathustra, alle Götter und Gesetze ersatzlos streicht, auf daß wir in uns selbst die notwendigen Hinweise zum richtigen Leben entdecken? Etwa: Dada ist die Keimblase des neuen Typus Mensch: jenseits des moralischen-christlichen Sündenballastes ist Dada die Negation des bisherigen Sinne des Lebens oder einer Kultur, die nicht tragisch, sondern vertrocknet war.
Am Ende von Eckers Roman, wie gesagt, flippt Sulewski also aus. Er schleudert mit seiner Unterhose, hüpft rum wie toll und springt in einen unmöglichen Kopfstand. Der Tag sollte als Sulewskis Tag in die Geschichte eingehen, als der Tag, an dem die Bghrt anfingen uns zu akzeptieren. Das klingt wie eine Parodie auf den Slogan von Roland Emmerichs aggressiven, aber kassenträchtigen Hollywood-Film: "The Independence Day" - der Tag, an dem wir zurückschlagen. Emmerichs Film kam allerdings 1997, drei Jahre später als Eckers Buch. Es geht um einem gnadenlosen Ausrottungskrieg zwischen Erde und Mars, nachdem die Außerirdischen unsere Städte fast komplett zerstört haben, gelingt es den Menschen endlich, sie ins All zurückzujagen. Emmerichs Film trieft vor menschlicher Tragik, Heldenpathos und Hymnen auf die freie Welt. Auch in Tim Burtons Mars Attacks! wollen die Außerirschen menschliches Leben total vernichten. Aber Burton ist Anarchist: seine Marsianer werden erst wieder zurück ins All gejagt, nachdem sie wenigstens Las Vegas und das Parlament, den Präsidenten und ein paar doofe Militaristen eliminiert haben. Nur ein paar sympathische Verlierer bleiben von den Interventionen aus dem All verschont. In beiden Filmen indes werden die Marsianer als eine fremde und totale Macht dargestellt, mit ihnen gibt es nur Sieg oder Niederlage - Verständigung unmöglich.
Der Tag, an dem sie anfingen, uns zu akezptieren,
das ist die pazifistische Variante zu Emmerichs kriegerischem Pathos. Von den Außerirdischen akzeptiert zu werden, das ist doch ein ungleich fortschrittlicheres Ziel als sie militärisch-kämpferisch zu schlagen! Die Außerirdischen beobachten unser Treiben auf dem Planeten aus großer Distanz, und unter den menschlichen Verstrickungen, Beschränkungen des Denkens und kleinkarierten Sachzwängen können sie sich kaum etwas vorstellen. Die Außerirdischen sehen nur, was am Ende bei rauskommt. Und sie werden wohl kaum auf die Erde kommen und uns zur gelungenen Zivilisation beglückwünschen, sagen: "O.k., so wie ihr euer Zusammenleben organisiert und gestaltet habt, ist es richtig gut!" - ein Lob, auf das wir gewiss lange warten werden!Bis heute wurden Außerirdische üblicherweise als Rasse angesehen, die entweder als Weltretter oder Zerstörer allen menschlichen Lebens auftritt. Das Verhältnis des Menschen zu den Außerirdischen ist in der Regel unausgeglichen: verehrt oder gefürchtet. Dafür sprechen auch die eigenartig sexuell gefärbten Phantasien möglicher Begegnungen:
(Aus dem Internet, ohne Angabe des Verf., Überblick über UFO-Entführungen, 2000.)Weibliche Entführte erleben, daß sie von Außerirdischen Wesen geschwängert und später von einer außerirdisch-menschlichen oder ganz menschlichen Leibesfrucht entbunden werden. Sie können die kleinen Föten, die im Raumschiff in Behälter gelegt werden, sehen. Während aufeinanderfolgender Entführungen können sie auch Brutkästen, in denen Mischlingsbabys aufgezogen werden, beobachten, und ältere Mischlingskinder, Heranwachsende und Erwachsene, von denen sie entweder spüren, daß es ihre eigenen Kinder sind, oder dies von Außerirdischen erklärt bekommen, beobachten. Manchmal versuchen die Außerirdischen, die menschlichen Mütter als Ammen im Raumschiff zu behalten, oder menschliche Kinder dazu anzuregen, mit den völlig teilnahmslos wirkenden Mischlingskreaturen zu spielen.
Besonders auffällig an dem Bericht finde ich erstmal, wie allgemein und gleichzeitig genau er gehalten ist: so als hätten etliche, voneinander unabhängige Augenzeugen das Gleiche berichtet. Umso bemerkenswerter, da es sich dabei ja doch um einen sehr eigenartigen und speziellen Bericht handelt. Gewiss hat bereits der Psychoanalytiker C.G. festgestellt, daß zahlreiche Visionen von Psychiatrie-Patienten inhaltlich voll übereinstimmen mit alten überlieferten Mythen. Wir können uns die außerirdischen Entführungen als einen Archetypen vorstellen, der sich in unterschiedlichen Visionen immer wieder ähnlich entfaltet. Jung selbst betrachtete seine Archetypen-Theorie dagegen kaum als Beweis für die Wirklichkeit der Archetypen, sondern lediglich als einen möglichen Schlüssel zum Verständnis der Visionen. Mithilfe der Studien zu den Archetypen können die Visionen entschlüsselt werden, über ihren Realitätsbezug sagen sie nichts aus. Wir fassen den Traum, die Vision, das übersinnliche Erlebnis... also nicht als Zeichen der Existenz eines metaphysischen Reichs auf, sondern vielmehr als psychologischen Ausdruck. Die Archetypen sagen etwas über das geheime Verhältnis der menschlichen Seele zur Welt aus. Sie sind Ausdruck der verborgenen Beziehung des Individuums zum Universum. Wie wir insgeheim zu der Welt stehen, in der wir uns bewegen, offenbart sich durch unsere Träume und Visionen. Und was lernen wir daraus für unser Verhältnisse zu den Außerirdischen?Also nocheinmal: in der Regel werden die Außerirdischen entweder als Weltretter verklärt und geliebt oder als Zerstörer gehasst und gefürchtet; ein selbstbewusst gleichberechtigtes Verhältnis zu ihnen scheint der zivilisierte Mensch kaum zu besitzen. Christopher Eckers Satz, die Außerirdischen begannen uns zu akzeptieren, drückt eine Utopie aus: fremde Wesen aus dem All besuchen die Erde und akzeptieren unsere Art, wie wir unser Leben hier gestalten. Doch es besteht der dringende Verdacht, die Außerirdischen könnten uns für Pfeifen halten. Dabei wäre es doch so schön, wenn die Außerirdischen mit ihren hochtechnologischen Superschiffen bei uns landeten und meinten: "Wow, ihr Erdlinge habt echt viel erreicht, das gefällt uns bei Euch, da können sogar wir noch was lernen!" So fern uns die Vorstellung von freundlichen, gleichberechtigt mit uns verkehrenden, kooperierenden Außerirdischen liegt, so fern befinden wir uns dem Paradies.