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Kann man Religionen testen?

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 05.08.2007 12:14

Oder: wie man sich vernünftig für den richtigen Glauben entscheidet. Das Ergebnis, den wissenschaftlichen Beweis für die Wiedergeburt, ist freilich überspitzt; aber mir gefällt die Idee, die verschiedenen Konzepte der Erkenntnistheorie auf Glaubenfragen zu beziehen.

Bekanntlich trennte Kant Vernunft und Glauben voneinander mit dem Argument, dass unser Verstand logische Aussagen nur über die sinnlich wahrnehmbare, empirische, diesseitige Welt treffen könne und darum zur Kritik metaphysischer Fragen ungeeignet sei. Überspitzt gesprochen: theoretisch ist im Himmel oder nach dem Tod alles möglich. Zumindest für den wissenschaftlich denkenden Menschen ist Wiedergeburt genauso wahrscheinlich, bzw. unwahrscheinlich, wie das Fegefeuer oder gar nichts. Somit hatte Kant, wie er selber sagte, durch seine Begrenzung der Vernunft dem Glauben Platz geschaffen.

Wenn ich richtig sehe, spalten sich seitdem seine Nachfolger in zwei Gruppen: die einen meinen, das könne so nicht stimmen; natürlich gibt uns der Verstand darüber hinaus noch weitere Anhaltspunkte zur Auswahl der geeigneten Religion. Kant ziehe die Grenzen der Vernunft viel zu eng. So erfand zum Beispiel Hegel, der eine Generation später lebte und insofern Kants Schüler war, den Weltgeist, das vernünftig erkennbare Prinzip des Lebens. Sein berühmter Spruch: "Das Wirkliche ist vernünftig", meint ja nicht nur, dass wir die oberflächlichen Erscheinungen auf der Erde begreifen werden, sondern bezieht darüber hinaus noch die dunklen Gesetze des Weltlaufs, Schicksal und Fügung mit ein. Früher oder später werden sich noch die letzten Geheimnisse des Universums unsrem Blick offenbaren.

Die zweite Gruppe dagegen erklärt sich mit Kants Grenzziehung der Vernunft durchaus einverstanden, spottet aber über seinen Nachsatz, er habe dem Glauben Platz geschaffen; denn, so sagen diese Leute: "Wozu soll das gut sein? Warum geben wir uns nicht besser mit unserem Wissen und den Grenzen unseres Wissens zufrieden und richten uns in der diesseitigen Welt ein? Leben nach dem Tod, Metaphysik – das braucht man nicht zum Glücklichsein! Es reicht, wenn unsere Vernunft für den Alltag funktioniert."

Man sieht: beide Positionen sind irgendwie zu extrem. Wenn es darum geht, eine vernünftig begründete Entscheidung, für oder gegen eine bestimmte Religion zu treffen, scheinen beide Standpunkt ungeeignet. Denn es kann ja kaum sein, dass das Denken den großen Fragen des Lebens so vollkommen indifferent und hilflos gegenübersteht; auf der anderen Seite können wir uns ebensowenig vorstellen, die göttlichen Prinzipien des Universums logisch zu durchschauen. Was also ist der richtige Standpunkt in dem Konflikt? Ich möchte drei mögliche Lösungen vorstellen und dann kritisieren. Die erste möchte ich "die hedonistische Lösung" nennen, die zweite Lösung ist die "praktisch reflektierte", und die dritte schließlich: "die physikalisch-spekulative Lösung".

Mit der hedonistischen Lösung werde ich schnell fertig. Ihr Prinzip lautet einfach: "Ich glaube das, womit es mir besten geht!" Sie überträgt einfach den modernen Lebensstil, sich so einzurichten, wie man sich am wohlsten fühlt, auf die Religion. Konkret gesagt: wenn ich mich als Mensch nach klaren Regeln und strikter Ordnung sehne, wähle ich eine Religion mit strengen Gesetzen und Vorschriften; bin ich dagegen eher spirituell und mystisch orientiert, wähle ich eine Religion mit dieser Orientierung. Suche ich Gemeinschaft, wähle ich eine stark kollektiv geprägte Gruppe mit vielen sozialen Ritualen; lege ich dagegen mehr Wert auf meine individuellen Freiheiten, nun gut, dann wähle ich eben eher eine Religion, die die Verantwortung des Einzelnen und seine eigene Entscheidungskraft hochschätzt. Diese Vorgehensweise bei der Auswahl der geeigneten Religion klingt ja eigentlich nicht dumm, auf gar keinen Fall scheint sie verkehrt, denn im Grunde entscheiden wir doch immer so: ob ich lieber in der Großstadt lebe oder auf dem Dorf, mit der Familie lebe oder alleine etc. entscheide ich, was eben besser zu mir passt; nach meinem eigenen Farcon, wie man so sagt. Ausgerechnet beim Thema Religion scheint mir diese Vorgehensweise jedoch nicht zu passen. Denn gehört es nicht gerade zum Wesen des Glaubens, dass man von ihm als einer objektive Wahrheit überzeugt sein muss, einer Wahrheit, die von meinen persönlichen Neigungen unabhängig existiert? – ob es nur einen Gott gibt oder viele, ob er dreifaltig ist, eine menschliche Persönlichkeit besitzt oder nur aus abstraktem Geist besteht – kann ich nicht nach eigenem Dünken entscheiden, denn entweder existiert er auf die eine oder auf eine andere Weise. Meine subjektiven Befindlichkeiten dürften dabei eigentlich gar keine Rolle spielen.

Die zweite Vorgehensweise, die reflektierte Praxis, ist reifer. Ich bete, und ich gucke, was passiert; ich übe mich in Meditation, und ich gucke, was passiert; ich halte mich an die göttlichen Lebensregeln, und ich gucke, was passiert etc. Im Grunde funktioniert sie also ähnlich wie die erste, insofern sie ganz auf der subjektiven Erfahrung basiert, die der einzelne Mensch mit seinem Glauben macht; allerdings wird hier die Erfahrung kritisch reflektiert. Ich lege mir zum Beispiel ein Traumtagebuch an und notiere jeden Morgen, wenn ich mich erinnern kann, was ich geträumt habe. Anhand der Botschaften, Hinweise, Zeichen etc., die ich aus meinen Traumbeobachtungen gewinne, frage ich mich, ob das alles nur Stimmen aus meinem Unterbewußtsein sein können – oder ob sie äußeren, jenseitigen Ursprungs sein müssen? Finde ich die Antwort der Psychoanalytiker befriedigend, erhellen sie für mich das rätselhafte Phänomen meiner Träume ausreichend, oder bleibt da ein unerklärter Rest, für den ich einen Gott, der zur mir spricht o.ä., brauche? Schließlich: egal, wie ich das Wesen meiner Träume erkläre, stellt sich die Frage, wie ich mit ihren Botschaften umgehen soll? Sind es Symbole, die ich analysieren und deuten muss, um die unbewußten Regionen meiner Psyche zu durchleuchten, oder Handlungsanweisungen, denen ich unbedingt Folge zu leisten habe? Was mache ich zum Beispiel, wenn mir im Traum ein Engel befiehlt, meinen Job und die Wohnung zu kündigen und auf die Straße zu ziehen? Ausdruck eines masochistischen Fluchtreflexes oder göttlicher Befehl und Herausforderung des Schicksals?

Offensichtlich gibt es auch mit dieser zweite Vorgehensweise noch ein ernstes Problem: es lässt sich nämlich nur selten einwandfrei entscheiden, welche Stimmen tatsächlich Projektionen meiner eigenen Psyche und welche äußerer Herkunft sind. Mitunter, so scheint es, wenn man manchen Berichten glauben will, weisen Farben und Töne auf die Quellen hin: wenn die Botschaft etwa in gleißendes Weiß getaucht ist und glockenhell klingt, ist sie wahrscheinlich göttlicher Natur; aber kann man sich darauf verlassen? Und wie entscheidet man im Zweifelsfall, wenn man z.B. den Inhalt einer Botschaft nicht versteht. Mir scheint, als ob die meisten Botschaften, die man empfängt, zumindest nie völlig aus der Luft gegriffen sind, sondern immer an Entscheidungsprozesse anknüpfen, die bereits laufen. Der Traum verrät mir vielleicht, welche von drei Bekanntschaften den richtigen Lebenspartner darstellt; aber nicht aus heiterem Himmel, sondern nur dann, wenn das Thema schon im wachen Zustand Bedeutung für mich besitzt. Es kommt also nicht restlos überraschend, sondern wenigstens unbewußt bin ich innerlich darauf vorbereitet. Zwar ist mir im Prinzip klar, dass die göttlichen Wege unergründlich sind, aber soll man deshalb auch solchen Signalen trauen, die offenkundig irrsinnig oder an den Haaren herbeigezogen sind? Er rät mir doch nicht völlig unvermittelt, ich solle in die Politik gehen oder nach Afrika auswandern, wenn Afrika oder die Politik bislang noch nie eine Bedeutung für mich hatten! Das aber heißt: ich muss für das, was Gott oder sein Geist oder das Schicksal mir mitteilen möchte, irgendwie empfänglich sein; wenigstens verstehen muss ich es können. – "Selbstverständlich!" sagen da die gläubigen Menschen: "Denn natürlich sagt Gott (oder sein Geist, das Schicksal o.ä.) Dir nur solche Dinge, die Du auch verstehen kannst. Alles andere wäre ja sinnlos!"

"Ja genau", gebe ich darauf zurück: "Aber dann ist doch offensichtlich, dass die Botschaft ebensogut aus meinem Unterbewußtsein stammen kannl. Denn jedes Zeichen, das sich mir spontan erschließt, knüpft an mein inneres Erleben! Bezogen auf die Wirklichkeit einer religiösen Idee beweist das Zeichen mithin gar nichts, denn auch ohne göttlichen Ursprung vermag es mich zu lehren und zu leiten." Und das gleiche gilt entsprechend für alle religiösen Praktiken: Gebete, Meditationen, gemeinsame Rituale etc. mögen ihren Wert und ihren Nutzen haben, möglicherweise leisten sie beachtliches für die Lebensqualität; möglicherweise finden Menschen auf dem Wege zu sich selbst, entwickeln neuen Lebenssinn, fassen Mut für die Zukunft etc. Dann spielt es keine Rolle, auf welche Wahrheit die einzelnen Teile einer Lebenspraxis verweisen. Ob meine Gebete durch einen Gott erhört werden oder ich mir damit selber gut zurede, ist eigentlich egal, wenn das Ziel, das eigene Leben zu verbessern, erreicht wird; immerhin beweist es, dass die jeweilige Praxis irgendwie funktioniert, also nicht nur Ausdruck eines Wunschdenkens ist, sondern buchstäblich einen Sinn macht. Das hat dieses Vorgehen – die praxis-reflektierende Lösung - der ersten, der hedonistischen Lösung voraus. Gleichwohl bietet sie noch keine echte Antwort auf die Frage, wie sich der richtige religiöse Glaube vernünftig finden lässt. Ihre Beweiskraft reicht nicht über die Funktionalität der Lebenspraxis hinaus, reicht in kein metaphysisches Reich hinein.

Widmen wir uns also nun der dritten Lösung, der physikalisch-metaphysischen. Auf sie stieß ich bei einem Interview mit einem Astrophysiker, der aufgrund seiner wissenschaftlichen Experimente die These von den Paralleluniversen vertrat. Er hatte mit winzigen Elektronen auf eine Alu-Folie geschossen und die Reaktionen der Elektronen gemessen, also wie sie von der Folie zurückprallten oder durch sie hindurch stießen o.ä. Diese Messungen ergaben recht seltsame Ergebnisse, die sich, so erklärte er, allein durch die These von den Paralleluniversen erklären ließen. Ich kann mich an den genaueren Gang seiner Argumentation nicht erinnern, habe sie wohl auch damals nicht wirklich verstanden; nur soviel: dass er aufgrund eines recht simplen Experiments zu rätselhaften Beobachtungen kam, von denen er auf die Existenz der Paralleluniversen schloss, ja schließen musste, weil er meinte, nur so und nicht anders könne er diese Beobachtung logisch erklären.

In analoger Weise, so denke ich, könnte man auch von der empirischen Beobachtung des Karmas auf die Notwendigkeit von Wiedergeburt schließen. Denn soviel kann jeder von uns sehen: Karma existiert! Ich meine das bloße Phänomen, dass wir in unserem Leben mit wiederkehrenden Konflikten zu kämpfen haben, die wir aufgrund unseres Wesens, unseres Charakters, kurzum: unserer inneren Natur selbst immer wieder provozieren. Gewisse Probleme begegnen uns immer wieder, je nach Situation und Lebenslage tauchen sie in ganz unterschiedlichen Gestalten auf; doch können wir ihnen durch keinen Wechsel des Freundeskreises oder Umzug in eine andere Stadt entkommen, weil es sich eben um unsere eigenen Konflikte handelt. Dieses Karma, von den Psychotherapeuten auch "Schema" genannt, können wir nicht abschütteln, sondern bestenfalls auflösen. Und dafür gibt es dann auch die entsprechenden therapeutischen Verfahren, bzw. religiöse Lebensregeln. Wie schon bei der praxis-reflexiven Vorgehensweise besteht auch hier die Lösung darin, die richtige Lebenspraxis zu finden, um bestehendes Karma aufzulösen und weitere Karma-Bildung zu vermeiden. Die Pointe meiner Argumentation liegt indes darin, dass sich die empirische Existenz des Karmas psychologisch allein nicht erklären lässt.

Die psychologischen Theorien vermuten ja für jedes Schema eine Ursache in der bisherigen Biographie: unangenehme Kindheitserlebnisse, andere traumatische Erfahrungen oder das Lernen aus Erfahrung (z.B. "Beziehungen halten nicht!"). bringen den Menschen dazu, sich selbst, die Umgebung und das Leben auf eine bestimmte Art und Weise wahrzunehmen, die ihn immer wieder in die gleichen unglücklichen Situationen bringen. Sigmund Freud nannte das den "Wiederholungszwang". Auch das Karma scheint einen solchen Wiederholungszwang zu beschreiben, allerdings liegen seine Ursachen nicht nur in der aktuellen Biographie, sondern reichen über mehrere Leben verschiedener Generationen hinweg. Ich schlage mich noch heute mit den Problemen rum, die schon meine Urahnen verpatzt haben. Der Versuch, für alles, was ich bin oder sein könnte, Hinweise in meinem Elternhaus und meiner Kindheit zu suchen, verengt dagegen den Horizont; auf jeden Fall steckt in mir weit mehr Potential, als ich von Hause aus mitbekommen habe! Etwas zu erwarten, was jenseits der eigenen Vorstellungskraft liegt, heißt wirklich utopisches Denken, das Unmögliche zu wollen. Und sich selber Ziele zu setzen, die man in diesem, die man überhaupt in nur einem einzigen Leben nicht erreichen kann, heißt wirklich anspruchsvoll zu sein. Alle anderen, niedrigeren, auf meine kurze Lebensspanne hin berechneten, zurecht gestutzen Ziele lassen mich hinter meinen eigentlichen Entfaltunsgmöglichkeiten zurück bleiben.

Wie dem auch sei: die Erfahrung, dass ich in meinem Leben Aufgaben, Konflikte und Probleme lösen muss, die ich nicht selber geschaffen habe, und dass ich es bis an mein Lebensende höchstwahrscheinlich nicht schaffen werde, alle diese Probleme und Aufgaben restlos aufzulösen, deutet darauf hin, dass sie über mein Leben hinausreichen; und das wiederum lässt sich nur damit erklären, dass meine Seele über mehrere Leben hindurch dieselbe bleibt und bestimmte Themen über Tod und Geburt hinweg mit sich nimmt. So gesehen, handelt es sich beim Wiedergeburts-Glauben um eine Theorie, die auf ein empirisches Phänomen antwortet, das sich anders nicht erklären lässt. Die logische Argumentation ist jedenfall die gleiche wie bei dem oben erwähnten Atomphysiker und seinen Parallelwelten: es gibt etwas zu beobachten, und dieses Beobachtungen wollen erklärt werden. Dabei reichen die psychologischen Erklärungen an Umfang und Tiefe nicht an das beobachteten Phänomens heran; denn es ist einfach unzureichend und unbefriedigend, Karma mit kognitiven Schematas gleichzusetzen, die sich biographisch verfestigt haben. Karma meint mehr, ist umfassender. Und die angemessene Theorie, die darauf reagiert, ist eben die Wiedergeburt.