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Journalismus als neues Gesellschaftspiel

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 29.09.2007 13:59

Oder: wie man in drei Tagen einen ZEIT-Artikel schreibt. - wie in Anlehnung an Karl Valentins berühmten Spruch: "Es wurde zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem" scheinen sich zu jedem Ereignis eine Handvoll von Meinungen und Positionen quasi automatisch zu ergeben, die man sich baukastengleich selber zusammensetzen kann ...

"Scheiße, in der Zeitung steht doch nur Schrott", entfuhr es mir eines Morgens, als ich mal wieder die Berliner Zeitung aus meinem Briefkasten nahm und feststellte, dass ich nach drei Artikeln eigentlich bereits alles für mich spannende gelesen hatte – und nun einen halben Berg Altpapier in den Händen hielt, den ich entsorgen musste. Das Allerneueste vom Neuesten habe ich schon im Radio gehört, die Artikel "aus dem wirklichen Leben" klingen nach Heimatschnulzen und menscheln so triefend, dass sie aus dem Blatt heraussuppen, und die Kommentare enthalten nur Statements, die ich mir auch selber denken kann ... wie in Anlehnung an Karl Valentins berühmten Spruch: "Es wurde zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem" scheinen sich zu jedem Ereignis eine Handvoll von Meinungen und Positionen quasi automatisch zu ergeben, die man sich baukastengleich selber zusammensetzen kann, sofern man mit dem Repertoire möglicher Grundhaltungen: liberal, konservativ, sozial, progressiv oder technokratisch, halbwegs bekannt ist. Im Grunde kann man sich fast alles, was in der Zeitung steht, auch selber denken; man braucht dazu bloß die Fakten, also wo war das Erdbeben, welcher Politiker hat die Wahl gewonnen etc. Den Rest kann sich jeder Mensch mit etwas Phantasie dazudichten.

Journalismus beschränkt sich auf das Gespür, die Interessen der Zielgruppen aufzuspüren und für sie treffenden Headlines zu erfinden; die Artikel schreiben sich dann zu den Überschriften fast wie von selbst und sind eigentlich nur dazu da, die Überschriften zu rechtfertigen; die eigentliche kreative Leistung indes erschöpft sich im Erfinden der Überschriften. Der Artikel dazu ist nur noch Formsache. Klingt das überheblich? – naja, ich gebs zu, ich will mich nicht lächerlich machen: ein gutes Konzept braucht man dazu auch noch... aber dann? – ja, aber dann schreiben sich die Texte wirklich wie am Schnürchen. Nehmen wir ein Beispiel: "Über diese drei reden Politiker unheimlich gern", titelte das Zeit-Magazin am 09.08.2007: "Die Friseurin aus Thüringen, der polnische Fliesenleger, der Dachdecker aus Rheinland Pflanz", und dazu ein Foto der drei Gestalten, Menschen wie Du und ich in ihrer Arbeitskleidung, aber in der Pose der "Drei Engel für Charlie", die Friseurin mit dem Fön wie eine Pistole in der Hand, der Fliesenleger hält die Siliconpistole wie ein Gewehr.

Was zeichnet diese Headline aus? – ich denke, es ist die Spannung zwischen soziologischer Konstruktion und tatsächlich lebenden Menschen. Denn zum einen handelt es sich bei diesen drei Typen freilich um statistische Idealtypen, um Aggregate, die repräsentativ für Einkommensklassen, Wirtschaftsregionen, Bildungsstände etc. stehen sollen; zum anderen will der Artikel sie nun als plastische Individuen, als real-existierende Einzelpersonen ausfindig machen und vorstellen. Und natürlich haben sie auch Namen: Ilka Brückner, Johannes Peter Lay und Zbigniew Slapa. Die Idee des Artikels ist durchaus witzig, es hat was von einem Abgleich zwischen Simulation und Wirklichkeit, ein Gefühl wie bei einer Autofahrt, wenn der Routenplaner ankündigt: "Noch drei Kurven, dann kommt eine Brücke!", und dann fährt man die drei Kurven und dann kommt dort tatsächlich die Brücke, oder von Albert Einstein und den Physikern der 20er Jahre, die die Existenz von Sternen berechneten, bevor sie sie sehen konnten, und dann am Himmel tatsächlich fanden, und zwar an genau den Stellen, die sie vorausgesehen hatten. Und hier sollen also Personentypen vorausberechnet werden, anhand der statistischen Daten werden sie konstruiert, und dann macht sich der Reporter auf den Weg und guckt, wie sie wirklich aussehen; er wirft einen Blick ins Telefonbuch, bittet um einen Termin, klingelt an der Tür – und ist ganz gespannt, wer öffnet.

Darin liegt das spielerische Element der Sache: es geht um Berechnungen, um Prognosen und Voraussagen und sodann um eine Art Schnitzeljagt und den skeptischen Vergleich, ob die am Ende gefundene Person dem errechneten Bild entspricht. Gewiss handelt es sich um ein Spiel der gebildeten Klassen, die es gewohnt sind, mit sozialwissenschaftlichem Gedankengut virtuos zu hantieren und Vergnügen an erkenntniskritischen Experimenten haben. Eben ein typischer Zeitvertreib für ZEIT-Leser. Und das Ergebnis? – ebenfalls typisch für die ZEIT: denn selbstverständlich entpuppen sich die real-lebenden Friseurin, der Fließenleger und der Dachdecker aus Rheinland Pflaz als ungeheuer plastische, individuelle, selbstbewußte Charaktere, die den oberflächlichen Klassifikationssystemen der Soziologie Hohn sprechen. Es sind wahre Individuen, die ihr Leben in der eigenen Hand halten, in fast jeder Hinsicht absolut selbständig und reflektiert, keine Spur von Opfern der gesellschaftlichen Verhältnisse. Ganz unabhängig davon, wie diese Menschen tatsächlich sind - in gewisser Weise ist eine solche Pointe für eine Zeitung wie die ZEIT doch vorhersehbar! Anders dürfte solch ein Artikel in diesem zutiefst optimistischen, humanistischen Blatt doch gar nicht enden! Zum Vergleich: der eher zynische, defaitistische Spiegel hätte die drei Personen vermutlich eher als bloße Produkte ihrer Umgebung dargestellt!

Ich denke, damit haben wir alle wichtigen Zutaten des Artikels schon beisammen: zuerst die witzige Idee, soziologische Idealtypen in der Realität aufzusuchen, Simulation und Wirklichkeit einander gegenüberzustellen; dann der Reiz: das Abenteuer der Suche des Autors, die Leute ausfindig zu machen, sie zu treffen, jenseits aller Erwartungen sich im Dialog ein eigenes Bild zu machen; und schließlich die Moral von der Geschicht, die sich selbstverständlich im Rahmen des Welt- und Menschenbildes der Zeitung hält, hier: die wirklich lebenden Menschen sind entwickelter, lebendiger als es die Politik und die Sozialwissenschaftler ihnen zutrauen. Wahrlich, das ist eine schöne liberale und bildungsbürgerliche Pointe, denn schließlich wußte schon Adorno: "Der einzelne Mensch ist besser als seine Kultur." Und mit diesen drei konzeptionellen Vorüberlegungen, so meine ich, ist der Artikel dann aber tatsächlich weitgehend determiniert.

Damit sage ich nicht, dass der Artikel etwa schlecht sei – ganz im Gegenteil: er ist insgesamt originell, witzig, gut geschrieben ... er ist kein Pfusch, ganz gewiss nicht. Der Plan ist ordentlich umgesetzt. Allerdings auch etwas zu glatt, es fehlt das Überraschende, sagen wir: der Artikel ist zu dicht am Konzept geschrieben, er sprengt den eigenen Rahmen nicht, und am Ende findet der Autor natürlich genau das, was er sich vorgenommen hat. Der Artikel erschöpft sich in einer angemessenen, umsichtigen Umsetzung der eigenen Idee, er ist bloße Realisation des Vorhabens. Dabei wurden alle wichtigen Punkte zwar solide abgearbeitet, doch ist dabei nichts neues entstanden. Allerdings kann das auch für den Artikel sprechen, wenn der Autor ein Profi ist, der weiß, wie es geht. Eine Schreibe, die wie gedruckt aus dem Handgelenk geflossen kommt, kann ja auch ein gewisses Vergnügen bereiten, wie auch ein geübtes, systematisches Denken an einer originellen Fragestellung auszuprobieren. Man schätzt die Sattelfestigkeit des Autors und seine Konzept- und Planungssicherheit, mit der er jedes Thema analysiert, zergliedert und publizistisch realisiert, das ihm aus irgendeinem creative Brainstorming vor die Füße geworfen wird. Das schwappt schon ein bißchen in Richtung des geistreichen Zeitvertreibs bürgerlicher Gesellschaftsspiele oder der Debattierclubs in amerikanischen Highschools: "Leben mit einer Leibrente – wie würdest Du das Thema sozialwissenschaftlich aufarbeiten? Improvisiere einen intelligenten Beitrag zum Thema!" Auch das spricht dafür, dass der Artikel im Hinblick auf ein bestimmtes Marktsegment entworfen wurde. Es geht eben nicht darum, etwas inhaltliches zum Thema auszusagen; sondern es geht darum, einen gewissen Stil der Auseinandersetzung zu üben.

Ein anderer Artikel, diesmal aus der Zeitschrift: "Stern Neon", soll den Gedanken aus einer weiteren Perspektive verdeutlichen. Die Zeitschrift hat ein deutlich jüngeres Zielpublikum als die Zeit, junge Leute zwischen 20 und 35 sollen es sein, aber das Bildungsniveau ist ähnlich gehoben, viele Artikel spielen im Studentenmillieu, handeln von der Suche nach Praktikas oder dem WG-Leben, die Themen kreisen entsprechend der Altersgruppe um Fragen der Idenität, Partnerschaft, Berufswahl, selbständigem Leben etc. Doch wie im ZEIT-Magazin wird eine kultur- oder sozialwissenschaftliche Perspektive gepflegt, die Artikel sind konzeptlastig und lebensweltlich experimentell. Besonders witzig finde ich einen Artikel von einer jungen Praktikantin in einer Rechtsanwaltskanzlei, die sich über ihre schick-mickie Kolleginnen ärgert: "Ich fühlte mich jäh an die Anfangszeit meines Jurastudiums zurückversetzt, damals in Mannheim, als wir solche Mädels nur die Handtaschen-Fraktion genannt haben, weil sie außer einem kleinen Handtäschchen, in das gerade einmal etwas Bargeld, das Handy, die Puderdose, Lippenstift, Handcreme und Nagellack – ja, Nagellack! – passte, nichts in die Vorlesung mitbrachten. Skripte? Wo bekommt man sowas? Gesetzestexte? Och … für diese Mädchen reichte es, gut auszusehen und sich in der Vorlesung die Fingernägel zu lackieren." (Schanzen-Schlampe goes Perlen-Paula oder Wie ich einen Tag lang als Klischee durchs Leben stöckelte) - doch in die Wut mischt sich Neid, denn die Schicki-Mickie-Tussies werden von den Männern viel zuvorkommender, gentlemanhafter behandelt als die Autorin, der niemand mal die Tür aufhält oder Feuer gibt.

Aus Spaß also kleidet sich die Autorin einen Tag lang auch mal so, um zu gucken, ob sie dann anders behandelt wird: "Ich hatte meine Stiefel, die enge schwarze Hose, über die ich bevorzugt Unterkleidchen aus den 60er-Jahren anziehe und meinen heißgeliebten schwarzen langen Schal gegen eine elegante Jeans, schwarze hohe Lederpumps, eine weiße Bluse und einen royalblauen V-Pullover eingetauscht, die Haare streng zusammengesteckt, anstatt sie nur mit einem Tuch zu bändigen, meine randlose Brille aufgesetzt und um das Outfit abzurunden meine Perlenkette herausgekramt." Die Pointe dieses Artikel liegt nun darin, dass sie mit den neuen Klamotten zwar von einer gewissen Gruppe Personen tatsächlich höflicher, zuvorkommender etc. behandelt wird, sich dafür indes die abwertenden Blicke von Leuten aus einer anderen Gruppe, nämlich ihrer eigenen, einfängt: "Eine Clique, die bezeichnenderweise an der Sternschanze einstieg, und die mir und meinen Freunden sehr ähnlich sah, musterte mich kurz und blickte mich dann mitleidig an, ein Mädchen warf ihrer Freundin vielsagende Blicke zu und diese nickte nur und verdrehte die Augen. Gestern hätte sie mir vielleicht zugelächelt. Dabei war ich doch derselbe Mensch. Oder doch nicht?"

In diesem Artikel sind die Proportionen nun geradezu verdreht: die Einleitung macht fast drei-viertel aus, der eigentliche Erfahrungsbericht passt in zwei Absätze. Wie in den wissenschaftlichen Studien gehen Problemdefinition, Methodenreflexion und Diskussion der Ergebnisse weit über die eigentlichen Inhalte hinaus. Das ist genau die Art und Weise, wie Studenten das Denken lernen: besser eine bescheidene, aber präzise und reflektierte Aussage treffen als großspurig originelle Behauptungen aufstellen, die jedoch keinem kritischen Blick standhalten. Auch hier geht’s also, wie in dem ZEIT-Artikel, darum, sich spielerisch der Denkungsart eines modernen akademischen Millieus anzunähern. Und die Werte? – die sind fast analog wie in dem ZEIT-Artikel auch: Toleranz und Wachsamkeit gegenüber den eigenen Vorurteilen, Distanz gegenüber Gruppenzwängen, Offenheit für soziale Experimente und aus den Erfahrungen nicht mit neuen Gewissheiten, sondern neuen Fragen hervorzugehen.

Ich denke, wir haben damit diesen völlig neuartigen Charakter dieses spezifischen Stils erfasst: man könnte ihn auch definieren als Kombination aus alltagswissenschaftlichen Übungen, gesellschaftlicher Phänomenologie und Wertediskurs. Keine dumme Sache, und wem verdanken wir das? – ich vermute: der Papst des guten journalistischen Stils und Leiter der Hamburger Journalistenschule Wolf Schneider ist daran "schuld", denn Schneider wars, der mit seinen Stilfibel die Grundregeln des Schreibens definierte. Zum einen finden sich darin so einleuchtende Aussagen wie: man kann mit kurzen, einfachen Sätzen und alltagsgebräuchlichen Worten gutes, anspruchsvolles Deutsch schreiben, oder: Wissen kann auch unterhaltsam vermittelt werden. Auch erläuterte er an zahlreichen Beispielen eindrücklich, wie man fast lyrische Sprachmelodien in die Artikel und Reportagen bringt. Und er zeigte uns, wie man dramatisch und gleichzeitig sachlich schreibt, oder wie man Neugierde weckt und gleichzeitig transparent bleibt, und das alles sowohl anhand von Textbeispielen und in Form allgemeiner, abstrakter Regeln.

Eines seiner schönsten Kapitel – denn auch Schneiders Lehrbücher sind im besten Sinne des Wortes "schöne Bücher" – handelt von Einleitungen. Er zeigt an mehreren Beispielen, wie man mit drei bis sieben knappen Sätzen ein Thema so umreisst und einführt, dass der Leser richtig Lust und Appetit auf den ganzen Artikel bekommt, und um die Kunst der Einleitung richtig hervorstechen zu lassen, demonstriert er sie anhand von eher uninteressanten, öden Themen. Da geht es z.B. in einem Artikel um britische Vogelkundler, in einem anderen um das Würzen mit der Muskatnuss: "Achtung – unbekanntes Flugobjekt auf dem dritten Zaunpfahl von links. Ist es eine Amsel? Ein Fink? Oder gar ein Rosenstar? Es gibt Leute, die behaupten, es gäbe Spannenderes im Leben, als Vögel zu beobachten. Aber wenn man echten britischen ‚birders‘ bei der Feldarbeit zusieht, dann fragt man sich bisweilen: was eigentlich?" (Geo, zit. in: Schneider, Raue: Handbuch des Journalismus, Hamburg: 1998, S. 135)

Oder: "Ereignislos vergehen die Tage und Jahre der Muskatnuß: Einsam sitzt sie in ihrem kleinen Glas auf dem Gewürzboard, und wenn mal jemand am Schraubverschluß dreht, denkt sie: ‚Aha, es gibt mal wieder Blumenkohl‘" (S. 136)

Und was lehrt uns das? – naja, ich will nicht übertreiben, aber vielleicht doch zumindest eine gewisse Ahnung, was – analog zur Arte pour le Arte - ein Journalismus für den Journalismus heißen könnte: das Schreiben als selbstreferentielles Beschäftigung mit der eigenen Kunstfertigkeit. Die Bildzeitung reizt ihre Leser bekanntlich mit Sex and Crime, heftig garniert mit jeder Menge moralischer Empörung. Doch der gehobene Journalismus wirft Fragen auf, gewinnt an sich uninteressanten Themen neue und ungewohnte Perspektiven ab, wirbt mit Insiderwissen oder mit dem Versprechen, auch aus dem ungehobelsten Laien durch die Lektüre nur eines Artikels einen Fachmann für Nuklearmedizin, Nazigeschichte oder Altägyptologie zu machen. Auch die neue Sachlichkeit kennt ihre Stilbessesenheiten. Man will demonstrieren, dass keine Sache auf der Welt existiert, die sich durch ein klares logisches Denken nicht durchdringen und erhellen ließe, dass dieses Denken immer auch beste und schönste Unterhaltung sein kann und letztlich dem gegenseitigen Verständnis aller Menschen und ihrer Aufgaben, Perspektiven und Probleme dient.

Nun ist Wolf Schneider selbst ebenfalls ein sehr produktiver Autor, nicht nur von Lehrbüchern, sondern auch eigenen Berichten, Kommentaren etc. Ein für meine Thesen typisches Werk heißt: "Wie man die Welt retten und sich dabei amüsiert" und ist von 1995. Der Witz dieses Buches besteht vor allem darin, der damals aufkeimenden Furcht vorm Multimedia-Boom eine utopische Dimension abzugewinnen. Nicht nur, dass sie die Welt kommunikationstechnisch vernetzen - sie sollten auch im Kampf gegen die Klimakatstrophe dienen, 1995 ebenfalls ein noch recht junges Problem. Die Überlegung von Wolf Schneider und seinem Coautor Christoph Fasel ist einfach: wenn wir alle nur noch Zuhause hocken und statt selber in Urlaub zu fliegen, die exotischen Orte auf Großbildleinwand anschauen, wenn wir anstatt Freunde persönlich zu besuchen, übers Bildschirmtelefon mit ihnen reden etc., dann sinken die Abgase und der Energieverbrauch, und das schont dann widerum die Umwelt. Die kulturpessimistische Sorge, die neuen Medien würden die Menschen zu Stubenhocken machen, keiner ginge mehr vor die Tür, alle säßen nur noch allein vor den Monitoren etc., wurde also positiv interpretiert: "Das ist doch gut! Das soll doch sogar so sein! So können wir die Umweltkatastrophe verhindern!" Das ist der rote Faden des Buchs und sein origineller Grundgedanke: das stereotypen Genörgel zur Utopie umzudrehen. Auf jeden Fall eine witzige Sache und eine Konstruktion, die Sinn macht.

Und was passiert dann? Allerlei Fakten, Alltagsbeobachtungen, statistische Daten, Prognosen und Berechnungen und populäre Argumente werden gesammelt – von: "Wie wir mit Fleiß den Planeten ruinieren", über: "Was das Fernsehen bald können wird", und: "Sex mit der Monroe", bis: "Lassen wir die Kritiker nur mäkeln" - und wohl portioniert um diesen einen Grundgedanken drapiert. Sodann wird das Material gut durchgeknetet und modelliert, so dass es eine eigene Gestalt, Dramatik und Aussagekraft erhält.

Beispiele gefällig? – "Die Hinterlassenschaft der touristischen Invasoren verschandelt mittlerweile die entlegensten Winkel der Welt. 1992 leitete der englische Bergsteiger Nick Meson eine 24köpfige Mannschaft, die den Makalu in Nepal bestieg und gleichzeitig von Abfall säuberte: sechs Tonnen Papier und Müll, die frühere Expeditionen in den Flanken des Berges hinterlassen hatten; allein 700 Kilogramm Büchsen, Plastik, Flaschen, Gas- und Sauerstoffbehälter schleppten Träger bis nach Katmandu hinunter." (Schneider, Fasel; S. 33) - und wovon lebt dieser Absatz? – gewiss nicht nur noch von den bloßen Fakten, sondern vor allem von der Gleichsetzung von Büchsen mit Sauerstoffbehältern und der Nennung mit dem wunderschön exotisch klingenden Namen Katmandu in einem Satz. Das ist schnittig, das hat Melodie, das ist wie Electric Light-Orchester und Cat Stevens vertonen Harald Schmidt.

Die Daten, die Schneider und Fasel zusammengetragen haben, sind aussagekräftig und überraschend: "Das Anschauen von zwei Notruf-Beiträgen führte dazu, daß die Testpersonen nach dem Filmerlebnis hochsiginfikant, d.h. unter Ausschluß zufälliger Einflüsse, zu mehr Hilfsbereitschaft neigen" (S. 100) – Auch wenn sie manche Zweifel mit allzugewissem Optimismus beantworten: "Was aber, wenn sich ein Diktator ein Fernsehmonpol verschafft? Dann wird er vollends entlarvt, behauptet der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan. Hitler habe seinen Aufstieg dem Umstand zu verdanken, dass es noch kein Fernsehen gab: Dieses Medium mache einen Politiker umso sicherer zum Clown, je fanatischer er sich gebärde; wer als Witzfigur ernstgenommen werden wolle, müsse das Radio wählen." (S. 120)

Am Ende kommen sie so zu einigen provokanten und spekulativen, aber positiven Schlußfolgerungen. So möchten sie z.B. der allgemeinen Arbeitslosen-Hetzkampagnen eine "Würde des Nichtarbeitens" (S. 152) entgegenstellen: "Es ist zum Speien, wie Christen und Atheisten, Kapitalisten und Kommunisten uns gleichermaßen mit der Religion der Arbeit in den Ohren liegen." (S. 151) - Das Ganze wird dann abgeschlossen mit weiteren Empfehlungen an die Fernsehmacher für ein anspruchsvolles, unterhaltsames, informatives und ethisch verantwortliches Programm. Eine runde Sache!

Aber was für einen Status hat dieses Buch? – bei aller Seriösität der Fakten und Reflexion der Thesen, scheint es sich wohl kaum um einen ernstgemeinten Diskussionsbeitrag zur kulturellen Gestaltung zu handeln. Eher ist es wohl ein geistreiches Spiel, interessante Daten zu sammeln und in eine ungewohnte Argumentationsfolge zu bringen. Immerhin werden vielleicht einige eingefahrene Kulturpessimisten vor den Kopf gestoßen und zu einer liberaleren Betrachtung der Dinge aufgefordert. Indes erinnert der Vorschlag, wir sollten uns alle in den Kokonen unserer Medienuniversen einspinnen, um dadurch weniger Energie zu verbrauchen und Abfälle zu produzieren, zu arg an das Szenario der "Matrix"-Filme, als dass wir auf diese Weise wirklich "Die Welt retten" und uns "amüsieren" wollten. Aber es ist ein guter Gag, in der Argumentationsführung ein Genuss und eine Aufforderung zur kritischen Neubetrachtung der Dinge. Was zu beweisen war.