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Funktionalismus der Verschwörungstheorien

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 22.04.2007 15:59

Soviel liegt auf der Hand: Verschwörungstheorien entwickeln eine einfache Erklärung für ein Geflecht unübersichtlicher, widersprüchlicher Fakten. Aber warum müssen wir überhaupt Fakten reduzieren, und was sollte an ihre Stelle treten?

Was, zum Teufel, ist eigentlich der tiefere Sinn von Verschwörungstheorien? - doch wohl nicht etwa, dass irgendjemand diesen paranoiden Quatsch, den sie behaupten, glaubt. Kein Mensch glaubt doch ernsthaft, dass die Mondlandung nur fürs Fernsehen inszeniert gewesen sei oder dass John F. Kennedy von seinen eigenen Leuten ermordet wurde. Oder? - naja, zumindest an der zweiten Theorie könnte was dran sein. Häufig erscheinen die Behauptungen und Vermutungen der Verschwörungstheoretiker völlig absurd, aber manche ihrer Einwände gegen die offiziellen Versionen der Ereignisse muss man berücksichtigen; wenn Oswald aus dem Fenster des Lagerhauses mit seinem Gewehr in den kurzen Sekunden, die der Präsident mit seinem Wagen auf der Straße vorüberfuhr, nicht dreimal geschossen haben kann, weil dies technisch, praktisch, handwerklich... unmöglich wäre... dann, ja dann, hat er womöglich auch gar nicht geschossen? Falsche Theorien können sich in Wahrheiten verwandeln: was einst nur ein blödes Gerücht war, wird mit der Zeit geglaubt, wenn es nur häufig genug von einflussreichen Leuten wiederholt wird. Jeder, der schon einmal zum Opfer von Gerüchten wurde, weiß davon ein traurig Lied zu singen. Doch auch umgekehrt: jede Wahrheit kann sich mit der Zeit in ein bloßes Gerücht verwandeln, wenn sie nur häufig genug angezweifelt und diskreditiert wird: hatte StefanAust zum Beispiel in seinem 1985 erschienenen Buch über die Terroristen der Roten Arme Fraktion zumindest noch einige Zweifel am Selbstmord der Gefangenen gehabt, - es hätte auch ein von den deutschen Geheimdiensten getarnter, staatlicher Mord sein können - so ist das heute völlig out. Aus einer Wahrheit, zumindest der Wahrheit von der Existenz eines Zweifels, ist ein Gerücht geworden. Was damals noch vernünftige Skepsis war, hat sich heute in wilde Spekulation verwandelt.

Mithin müssen wir mindestens zwei Stufen bei der Entwicklung von Verschwörungstheorien unterscheiden: zuerst die vernünftige Skepsis, weil die offiziellen Fakten so keinen Sinn ergeben und zuviele Fragen offen bleiben; dann aber die wilden Spekulationen und realitätsfremden Phantasien, die darauf folgen. Was sind die Ursachen für diese beiden gegenläufigen Bewegungen, die noch nicht einmal eine echte Synthese erlauben, sondern an Ende bloß ein Stehenlassen einander widersprüchlicher Theorien im Raum zulassen? - zunächst einmal muss klar sein, dass sowohl die Seite der offiziellen Verlautbarungen, Regierungserklärungen wie auch Gerichtsgutachten wie auch die andere Seite der Skeptiker, Anarchos, Rebellen, Widerständler... an möglichst runden Versionen interessiert sein muss. Alle Fakten, die vorliegen, alle Fragen, Zweifel, aber auch Berichte von Zeitzeugen, technische Erwägungen und allgemeine Überlegungen müssen sich am Ende zu einer möglichst wahrscheinlichen Version vom Ablauf der Ereignisse fügen. Gelingt dies nicht, bleibt das ganze Gerede unbefriedigend. Was aber geschieht, wenn die vorliegenden Daten keine der beiden Versionen stützen?

Nehmen wir den Krieg der USA gegen den Irak im Jahr 1990: mittlerweile wissen wir, dass etliche Behauptung der amerikanischen Regierung falsch waren; so wurde in der Öffentlichkeit sehr damit geworben, die moderne Waffentechnik sei in der Lage, nur die militärisch relevanten Ziele zu zerstören und die einfachen Menschen zu verschonen. Es war die Rede von sauberen Krieg: Videoaufnahmen von Kameras vorn an den Raketen zeigten genau, wie die Bombe vom Flugzeug abgeschossen, computergesteuert exakt ihr Ziel findet, die Munitionsfabrik, den Panzerstützpunkt, und zur Explosion bringt; kaum ein Wohngebiet, kaum ein Krankenhaus, kaum eine Schule sollten angeblich getroffen sein. Krieg wurde umdefiniert zu einer präzisen Operation, bei der nur die feindliche militärische Bedrohung aus einem Körper geschnitten wird. Aber falsch: heute wissen wir, dass der Irak-Krieg auch nur mit den uralten Variationen von Flächenbombardements geführt wurden, die Städte einfach dem Erdboden gleich machen, ohne zwischen ziviler und militärischer Nutzung zu unterscheiden. Alle Berichte in den Medien waren Lüge - und wir werden sehen, welche der beiden Versionen im Lauf der Zeit den Rang der Wahrheit und welche die Position der Verschwörungsphantasie zuerkannt bekommt?

Doch diese Lüge ist nicht allein wegen der verwendeten Fakten interessant. Viel mehr verwundert uns indes der Grund: eigentlich trauen wir dem aktuellen Stand technologischer Entwicklung den Bau intelligenter Bomben und zielgenau steuerbarer Raketen durchaus zu. Sowas muss man doch bauen können, und wenn ja, warum benutzt man sie dann denn nicht? Es reicht doch, wenn im Krieg die Militärbasen zerstört werden, warum zivile Opfer in Kauf nehmen, wenn es nicht unbedingt nötig ist und sich vermeiden lässt?, fragt sich der gesunde Menschenverstand: das ergibt keinen Sinn! Es gibt die technische Möglichkeiten für einen sauberen Krieg, der sich auf Vernichtung der militärischen Ziele beschränkt, und es gibt die allgemeine Vernunft, die es für richtig hält, die Zivilbevölkerung zu verschonen; die Tatsache, dass die US-Regierung diesen Krieg in gefälschten Berichten auch so dargestellt hat, zeigt, dass sie das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach einem sauberen Krieg verstanden und akzeptiert hat. Fassen wir zusammen: die Möglichkeiten sind vorhanden, der Sinn ist vorhanden, der Wille ist ebenfalls vorhanden. An diesem Punkt mit unserem Denken angelangt, fragen wir uns: ja, und warum machen sie es dann nicht? - warum töten sie tausende unschuldiger Menschen, obwohl sie sich doch auf Vernichtung der Militärbasen konzentrieren könnten? Es ist wie ein Systemabsturz unseres Gehirns, die logischen Daten fügen sich zu keinem vernünftigen Ganzen mehr zusammen, höchsten noch: Irrsinn, Bösartigkeit, Sadismus... Verschwörungen, Unterwanderungen, Teufelsanbeterei, pathologischer Größenwahn... es ergibt keinen Sinn mehr, und man möchte am liebsten zum Anarchisten werden, doch nicht etwa weil man sich nach einer Weltrevolution noch eine Art utopische Gerechtigkeit erhoffen würde, sondern weil man sich jeder vernünftigen Identifikation mit herrschenden Denkmustern verweigert, weil man einfach explodieren möchte - vor lauter Verzweifelung am sinnlosen Grauen...

Dieser, allgemein gesprochen: Ekel vor der schmutzigen Politik, der kalten Schauer angesichts eines grausig und absurden Weltlaufs, der sich nun gar nicht so recht mit Vernunft erklären lässt, mündet schließlich im Bedürfnis nach Verschwörungstheorien. - warum haben die Amerikaner ihre computergesteuerten Bomben und zielgenauen Raketen im Krieg nicht eingesetzt und stattdessen krasse Flächenbombardements vorgezogen? - ganz einfach: weil der amerikanische Präsident ein Verhältnis mit der Tochter eines Herstellers von Flächenbomben hatte...